RTL_DasJenkeExperiment_Massentierhaltung_#02_online

Foto: RTL/Fotograf

Verglichen mit Ihren üblichen Extremeinsätzen wirkt der Arbeitsalltag eines durchschnittlichen Deutschen doch eher wie ein Ponyhof, oder?

Nein, das finde ich gar nicht. Ich finde das lässt sich wunderbar eins zu eins übersetzen. Ich berichte von dem Extrem, aber dieses Extrem ist – und das gilt für wirklich jede Extremsituation, in die ich mich bislang begeben habe – immer übertragbar auf den Alltag. Denn im Endeffekt geht es immer um Herausforderungen. Es geht darum, Ängste zu überwinden, die man überwinden möchte – abgesehen von den Ängsten, die man braucht, weil sie wichtig sind fürs Überleben – die sollte man unberührt lassen.

Es geht um die Ängste in unserem Alltag, die uns an der Persönlichkeitsentfaltung hindern, die uns daran hindern, erfolgreicher zu sein, noch engagierter zu werden. Ich mache das halt im Extrem: Ich gehe auf ein Flüchtlingsboot und begebe mich auf eine Reise, von der ich nicht weiß, wo sie enden wird. Also ich stelle mich einer Herausforderung, ohne zu wissen, wohin mich das führt. So. Und da gibt es sehr viele Menschen, die sagen, nee, ich bleibe lieber in meiner Komfortzone. Von daher sehe ich das gar nicht so unterschiedlich. Das, was ich mache und das, was ich in einem Appell an die Menschen in einem, in Anführungsstrichen, ganz normalen Arbeitsalltag richte.

Der Arbeitsalltag hat natürlich Höhen und Tiefen und auch seine Fallen. Was meinen Sie: Ist er härter geworden? Die körperlichen Belastungen haben ja eher abgenommen…

Ja, die rein körperliche Arbeit. Wir haben jetzt nicht mehr so viele Berufe, die hauptsächlich die Muskelkraft beanspruchen. Wobei – wenn ich hier gerade vom Balkon schaue, sehe ich nebenan die Gerüstbauer. Es gibt also noch einige körperlich sehr fordernde Berufe, aber sie sind nicht mehr die Regel, so wie das vor vielen Jahrzehnten noch der Fall war.

Aber die Frage ist doch: Laugt uns die Art und Weise, die unterschiedlichen Arbeiten, die wir jetzt haben, die ja hauptsächlich geistig sind, nicht ebenso sehr aus wie die körperliche Arbeit? Wobei die körperliche Arbeit noch den Vorteil hatte, dass man sich wirklich verausgabt hat – also auch körperlich verausgabt hat. Heute sitzen die Leute stundenlang im Büro am Computer. Der Kopf qualmt und im Idealfall gehen sie danach joggen oder ins Fitnessstudio, um ihren Ausgleich zu finden. Das war bei den körperlich anstrengenden Arbeiten schon anders, da hatte man noch gleichzeitig dieses Ventil.

Ich habe gestern einen interessanten Bericht gehört im Radio, dass die psychische Krankheit quasi der neue Rücken ist. Also dieses frühere „Ich habe Rücken“ ist jetzt die Psyche und das ist ein Riesenproblem, weil es immer mehr Menschen betrifft, es sind aber auch mehr geworden, die darüber jetzt endlich reden. Also das hat ganz viele Facetten und ich glaube, das ist ein Problem unserer Zeit.

Wir sind ständig überfordert von Informationen, von Reizen, von Schnelligkeit. Es gibt überhaupt nicht mehr diesen Puffer der Zeit. Wir sind zum Beispiel innerhalb von zwei Stunden auf Mallorca. Oder ich fliege nach Asien und bin in zehn Stunden in Bangkok. Das war früher eine Schiffsreise von mehreren Wochen, in denen die Psyche Zeit hatte, sich darauf einzulassen: Die Umgebung änderte sich, das Wetter änderte sich, alles hat mich langsam darauf vorbereitet. Heute steige ich ein und wenig später in einer anderen Kulturzone wieder aus. Das überfordert die Menschen – plus dieser Druck: Mein persönlicher Output muss groß sein, sonst bin ich nicht akzeptierter Bestandteil der Gesellschaft. Ich finde das alles sehr dramatisch und wenn wir die Zahlen sehen, wie viele Menschen psychisch erkranken, dann bestätigt sich das.

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