Gastbeitrag von INQA zum Thema Experimentierräume

Quelle: BMAS/INQA

Die Dynamik der Digitalisierung verändert unsere Art zu leben und zu arbeiten und wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Sie ist Treiber für Innovationen und betrifft die Arbeitsweisen in einem Handwerksbetrieb, der seine Schichtplanung per App kommuniziert, ebenso wie das spezialisierte IT-Unternehmen, das stetig auf technische Neuerungen reagieren muss. Alte Fragen stellen sich neu und neue Fragen kommen hinzu: Was bedeutet es für Führungskräfte, wenn Beschäftigte dank Laptop und Smartphone nicht mehr an Büro und feste Arbeitszeiten gebunden sind? Wie organisiert man Arbeit, wenn die Mitglieder eines Teams von unterschiedlichen Orten aus arbeiten? Wie schützt man bei potenziell ständiger Erreichbarkeit die Gesundheit der Beschäftigten? Welche Qualifizierungsmaßnahmen sind erforderlich, damit alle von den neuen Technologien profitieren? Wie werden Menschen und intelligente Maschinen zusammenarbeiten?


Auf diese und weitere Fragen gibt es keine pauschalen oder abschließenden Antworten. Was es gibt, sind Möglichkeiten, die man testen muss, in geschützten Räumen zum Probieren und Experimentieren, Scheitern und Verwerfen, Lernen und Verbessern. Deshalb fördert das Bundesministerium für Arbeit und Soziales Lern- und Experimentierräume, in denen Betriebe und Beschäftigte gemeinsam durch den Einsatz moderner Technologien innovative Arbeitskonzepte zu Themen wie, Führung und Zusammenarbeit, Personalentwicklung, Wissen und Qualifizierung sowie Arbeitsgestaltung und Gesundheit entwerfen und testen.

Fehler machen gehört dazu

Dabei ist der Weg das Ziel: Am Anfang steht nicht der Generalplan, der rigoros umgesetzt wird, sondern der Wille, gemeinsam ungewohnte Wege zu beschreiten, deren Verlauf und Ende man noch nicht kennt. Hierfür braucht es einen offenen Raum, in dem alle ihre Ideen einbringen können, ungeachtet von Stellung und Hierarchien. Was funktioniert, bleibt erhalten, was nicht klappt, wird verändert, weiterentwickelt oder verworfen – das ist lernen und experimentieren im besten Sinne.

Eine offene Fehlerkultur und eine gemeinsame Haltung sind essentiell für das gemeinsame Experimentieren. Wer neue Lösungen sucht, braucht Transparenz und Neugier, Mut und Kreativität, den offenen Austausch und die Bereitschaft, Fehler zu machen. Es geht nicht um versteckte Effizienzsteigerungen oder darum, Kreativität und Engagement von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu testen. Die Grundlage für erfolgreiches betriebliches Experimentieren sind gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung. Im besten Fall entstehen so eigene Lösungen und nachhaltige Strategien, die zu Betriebsgröße, Branchenumfeld und Belegschaft passen, der Belegschaft und dem Betrieb guttun und deren Anwendung für das ganze Unternehmen und vielleicht darüber hinaus geeignet ist.

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Weichen stellen für die Zukunft der Arbeit

Experimentierräume können strategische Weichen für die Arbeitswelt der Zukunft stellen. Das zeigen die bisherigen Erfahrungen aus der Praxis, wo Management, Betriebsräte und Beschäftigte gemeinsam an nachhaltigen Konzepten arbeiten: von der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle über die Ausgestaltung des Arbeitsplatzes bis zu neuen Führungsformen.

Ein traditionsreiches Industrieunternehmen hat zum Beispiel Vorreiterteams aus Beschäftigten, Führungskräften und Betriebsräten gebildet, die gemeinsam neue Formen der Zusammenarbeit ausprobieren. Dabei nutzen sie agile Methoden, Wissensarbeit wird zu einem kollaborativen, transparenten Prozess. Die Einführung dieser Arbeitsmethoden wird wissenschaftlich begleitet und die Gewerkschaft ist mit an Bord. Auch kleine Lösungen können einen großen Effekt haben: Ein Unternehmen der Sozialwirtschaft hat ein IT-gestütztes Arbeitszeitkonto mit Ampelsystem entwickelt. Bei zu vielen Überstunden schaltet die Ampel auf Rot, die Angestellten werden vor Überlastung gewarnt und geschützt.

Neue Freiheiten erfordern neues Denken

Die Digitalisierung schafft neue Freiheiten bei der Gestaltung der Arbeit, gleichzeitig verändert sich das Beziehungsgefüge und Führungsrollen, auch die Ansprüche der Beschäftigten ändern sich – viele wünschen sich mehr Eigenverantwortung, Mitsprache und flachere Hierarchien. Gleichzeitig wird die Arbeit neu verteilt, sowohl zwischen einzelnen Abteilungen und Beschäftigten als auch zwischen Mensch und Maschine. Moderne Technologien bieten neue Ansätze für den Arbeitsschutz, etwa, wenn Roboter und technische Assistenzsysteme schwere Tätigkeiten übernehmen. Sie erleichtern die Arbeit und bieten Menschen mit Einschränkungen neue Möglichkeiten der Teilhabe. Gleichzeitig beschleunigen sie die Arbeitsprozesse, ermöglichen eine permanente Erreichbarkeit, die zu Arbeitsverdichtung, Entgrenzung und Überforderung führen können. Umso wichtiger ist es, Ansätze für die Arbeitsgestaltung und den Arbeitsschutz zu entwickeln, die dem präventiv entgegenwirken. All dies erfordert neue Kompromisse, die sozialpartnerschaftlich auszuloten sind.

Doch neue Technologien erfordern auch neue Fertigkeiten und Kompetenzen. Digitale Anwendungen erleichtern die Arbeit nur, wenn die Beschäftigten geschult und damit vertraut sind. Unternehmen stehen heute vor der Frage, welche digitalen Kompetenzen morgen so unerlässlich sind wie das Lesen und Schreiben. Sie müssen den Qualifizierungsbedarf identifizieren und ihre Beschäftigten fit machen für die Arbeitswelt von morgen. Weiterbildung und Qualifikation sind der Schlüssel für Sicherheit am Arbeitsmarkt und Fachkräftesicherung. Mit der Qualifizierungsoffensive werden wir die berufliche Qualifizierung von Beschäftigten stärken, indem allen Beschäftigten künftig der Zugang zu und Förderung von Qualifizierung ermöglicht wird.

Digitale Anwendungen erleichtern die Arbeit nur, wenn die Beschäftigten geschult und damit vertraut sind. Klick um zu Tweeten

Nicht nur Betriebe, auch wir als Gesellschaft und die Politik sollten offener für neue Ideen sein. Deswegen haben wir im Bundesministerium eine eigene Denkfabrik „Digitale Arbeitsgesellschaft“ geschaffen, die den Prozess, den wir mit dem Dialog Arbeitenviernull gestartet haben, fortführt. Dabei schauen wir genau, welche Lösungen sich als praktikabel erweisen und welchen Fehlentwicklungen wir einen Riegel vorschieben müssen. Wo der Einzelne mit neuen Risiken konfrontiert ist, müssen wir Sicherheit im Wandel schaffen. Gerade im Hinblick auf die digitale Wirtschaft gilt es einen Weg zu finden, der Innovation mit den Schutzprinzipien des Arbeitsrechts und der sozialen Marktwirtschaft verbindet. Daher ist die enge Zusammenarbeit zwischen Betriebsleitung und Beschäftigten sowie unter den Sozialpartnern besonders wichtig.

Wir wollen die Arbeit von morgen aktiv gestalten. Gerade den Mittelstand unterstützen wir dabei, etwa durch das Angebot unternehmensWert:Mensch plus, das die Beratung von KMU bis 250 Beschäftigte mit bis zu 80 Prozent fördert. Sie können dabei sein. Lassen Sie sich von Praxisbeispielen inspirieren, informieren Sie sich über Förderangebote, gründen Sie einen eigenen Lern- und Experimentierraum im Betrieb und präsentieren Sie Ihre Erfahrungen bei der Gestaltung der digitalen Arbeitswelt auf www.experimentierraeume.de.


Über den Autor:

Autorenbild Fabian LangenbruchFabian Langenbruch ist Leiter der Unterabteilung „Digitalisierung und Arbeitswelt“ im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Er ist am 12. September 2018 im Rahmen der INQA-Thementage in der Diskussionsrunde „Learn it another way: Lernen im digitalen Zeitalter“ in der Halle 2.1, Future Stage INQA zu sehen.

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