Dirk Lümkemann im Interview zum Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement

Quelle: Dirk Lümkemann

Obstkorb, Manager-Check-ups, Gesundheitstage, Gefährdungsanalyse oder Krankenrückkehrgespräche. Dr. med. Dirk Lümkemann, Inhaber und Geschäftsführer von padoc und BEVIGO, geht der Frage nach, wie statt vieler isolierter und dadurch häufig wirkungsloser Einzelmaßnahmen ein nachhaltiges und effizientes Betriebliches Gesundheitsmanagement geschaffen werden kann. In seiner Keynote auf der Corporate Health Convention plädiert er für ein höheres Maß an Eigenverantwortung der Mitarbeiter als Fähigkeit und Kultur im Unternehmen.

Die Bevölkerung wird immer älter, der Renteneintritt wird sich vermutlich über kurz oder lang weiter nach hinten verschieben – welche Herausforderungen kommen da auf das BGM zu?

Wie eine langanhaltende Gesundheit am besten erreicht werden kann, ist zum Glück bekannt. Die Aufgabe der Unternehmen ist es, frühzeitig mit der notwendigen Veränderung im gesamten Unternehmen hin zu mehr Eigenverantwortung zu beginnen und die Mitarbeiter durch individuelle Unterstützung dafür zu sensibilisieren, den Herausforderungen zu begegnen und die eigene Gesundheit aktiv zu managen.

Fitness-Apps, Wearables – schon heute gibt es viele digitale Lösungen, die für das BGM von Nutzen sein können. Wie schaffen es Unternehmen, hier alle Mitarbeiter und nicht nur die „Digital Natives“ mit ins Boot zu holen?

Interessanterweise sind es gar nicht immer die „Digital Natives“, die von Gesundheitsanwendungen, die ein Unternehmen vorschlägt, angetan sind. Oft besitzen die Jüngeren bereits eigene Apps, mit denen sie ihr Gesundheitsverhalten steuern. Somit sind es erstaunlicherweise oft die 40+ Arbeitnehmer, die offen sind für unterstützende, digitale Anwendungen. Wichtig ist, dass die App inhaltlichen Freiraum lässt und die Fähigkeit fördert, eigene Gewohnheiten zu entwickeln, statt vorgegebene Übungen vorzuschlagen. Wenn diese Passgenauigkeit auf jeden Mitarbeiter gewährleistet werden kann, indem sie in der App selbst eine Strategie für sich entwickeln und diese nachhalten können, ist aus unserer Erfahrung jeder dabei, unabhängig von Alter oder Vorkenntnissen.

@dirkluemkemann: Es sind erstaunlicherweise oft die 40+ Arbeitnehmer, die offen sind für unterstützende, digitale Anwendungen! #CHCD18 #BGM Klick um zu Tweeten

BGM soll die Leistung der Beschäftigten erhalten und fördern. Viele fordern Kennzahlen zur Überprüfung, ob sich der Einsatz und die Investitionen lohnen – wie kann dahingehend evaluiert werden?

Die Forderung nach Kennzahlen ist notwendig, wenn Gesundheitsmanagement als strategischer Bestandteil einer Organisation und nicht als „nice to have“ verstanden werden will. Dazu müssen zunächst klare Ziele benannt sein, die zu den Unternehmenszielen passen. Bereits hier scheitern Unternehmen oft daran, strategisch bedeutsame Ziele aufzustellen und entsprechend wirksame Maßnahmen zu planen. Da es im BGM vor allem um das Fühlen, Denken und Handeln der Beschäftigten geht, ist ein Fragebogen das Mittel der Wahl. Statistikkenntnisse sowie theoretisches Wissen über Gesundheit und Gesundheitsmanagement sind dabei nicht nur hilfreich, sondern eine Voraussetzung für valide Evaluationsverfahren.

Oft bereits bestehende Kennzahlen wie der Krankenstand, Fluktuationsraten, Teilnahmequoten und Seminarfeedbacks sagen nichts über Ursachen und Frühindikatoren von Gesundheit aus und sind daher auch nicht hilfreich im Rahmen eines Kennzahlensystems des BGMs.

Was halten Sie von einer Belohnung für die Teilnahme an BGM-Maßnahmen?

Aus der Motivationspsychologie weiß man, dass extrinsische Motivation weniger stark und nachhaltig wirkt als intrinsische Motivation. Die größte Belohnung sind persönliche Erfolgserfahrungen und eine gesteigerte Selbstwirksamkeit, die übrigens auch auf andere Lebensbereiche übergreift. Als Unternehmer würde ich daher immer in das persönliche Wachstum investieren und diesen Anreiz nicht durch extrinsische Belohnung abwerten.

Abseits des Leistungsaspekts – wie wichtig ist BGM für die Arbeitgeberattraktivität?

Selbstverständlich ist BGM mittlerweile ein Einflussfaktor auf die Attraktivität eines Arbeitgebers. Nur ist die Frage, ob es z.B. umfangreiche Kursangebote sein müssen oder ob ein authentisch vermitteltes Interesse an der Eigenverantwortung des Mitarbeiters und die individuelle Unterstützung nicht mehr wert sind.

Welche Rolle spielen die Führungskräfte beim BGM?

In jedem Fall eine bedeutende. Wenn eine Organisation anstrebt, Einstellungen und Verhalten verändern zu wollen, geht das nur, wenn die Führungskräfte als Vorbilder vorangehen. Durch Ihr Verhalten lernen die Geführten, dass auch das Engagement in Bezug auf die eigene Gesundheit eine Bedeutung hat. Das Thema Eigenverantwortung z.B. lässt sich daher erfolgreicher über einen Top-Down-Ansatz etablieren als ohne gezielte Verankerung im Führungsalltag.

@dirkluemkemann: Beim Thema Eigenverantwortung im BGM müssen Führungskräfte als Vorbilder vorangehen! #leadership Klick um zu Tweeten

Wie kann die Politik Rahmenbedingungen für ein effektives und nachhaltiges BGM schaffen?

Derzeit besteht keinerlei Qualitätssicherung hinsichtlich der von der WHO geforderten Fähigkeit, die selbstbestimmte Verhaltensänderung überhaupt ermöglicht. Wenn Gesundheit in Unternehmen nicht nur zufällig bei den ohnehin schon Motivierten und Fitten verbessert werden, sondern BGM alle, auch die eher Absichtslosen erreichen soll, dann braucht es zukünftig Programme, die die Wirksamkeit von Maßnahmen auch in Bezug auf die individuelle Veränderung von Motivation und Verhalten sicherstellen. Das kann die Politik durch entsprechende Standards befördern.

Welcher Bereich wird Ihrer Meinung nach in den nächsten fünf Jahren am meisten Aufmerksamkeit bedürfen – Ernährung, Bewegung, Suchtprävention? Oder die psychische Gesunderhaltung der Mitarbeiter?

Welche Themen mehr Aufmerksamkeit bedürfen, zeigt uns das Robert-Koch-Institut. Demnach haben 80 Prozent der Deutschen Bewegungsmangel und die meisten Gesundheitsmanager wissen leider nicht einmal, wie Bewegungsmangel definiert ist. Noch mehr Menschen essen nicht die empfohlene Menge an Obst und Gemüse. Folgen wie Übergewicht, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes gefährden nicht nur die Gesundheit stärker als alle anderen Einflüsse, sondern kommen auch noch am häufigsten vor. Leider existiert in Bezug auf diese Gesundheitsrisiken ein grundsätzlicher und damit auch in Unternehmen weit verbreiteter optimistischer Trugschluss. Das allgemeine Risiko ist jedem bekannt, nur ignoriert man aus Selbstschutzgründen das persönliche Risiko und den damit einhergehenden Handlungsbedarf. Dabei könnten diese Risiken bereits durch kleine Verhaltensänderungen enorm reduziert werden. Nur ist Veränderung anstrengend.

Gerade in Organisationen ist die individuelle Entwicklung sehr gut zu fördern. Mit Vorträgen und Appellen immer weiter zu motivieren reicht dafür jedoch nicht aus. Eine neue Gewohnheit eigenständig zu initiieren und langfristig dabeizubleiben wird aus meiner Sicht daher der Bereich im BGM, der besondere Aufmerksamkeit bekommen wird.

Zur Person

Dr. med. Dirk Lümkemann ist Inhaber und Geschäftsführer von padoc und BEVIGO.  Auf der Corporate Health Convention 2018 hält er am 25. April um 11:30 Uhr seine Keynote mit dem Titel: „Vom BGM zum unternehmerischen Gesundheitsmanagement – Ein Paradigmenwechsel“

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