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Foto: Frank Riemensperger

Im Gespräch mit Frank Riemensperger, Präsidiumsmitglied im Bitkom- Hauptvorstand und Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture      

Frank Riemensperger ist seit 2009 Vorsitzender der Accenture-Ländergruppe Deutschland, Österreich und Schweiz. Der Informatiker startete kurz nach seinem Studium im Jahr 1989 bei Accenture – zunächst als Spezialist für komplexe, IT-Transformationen in Großunternehmen, später wurde er Partner und trieb als Verantwortlicher für den Geschäftsbereich Products Technology weltweit den Auf- und Ausbau von Servicecentern voran. Die Messe Zukunft Personal 2016 eröffnete er im Oktober mit einem Vortrag zum Thema „Kollege Roboter – Was uns in der digitalen Arbeitswelt der Zukunft erwartet“. Ein Hintergrundgespräch über die künftige Entwicklung von Karrieren und Berufsfeldern.


Herr Riemensperger, viele Experten für die Arbeitswelt sagen, heute stellen wir die Weichen für eine digitalisierte Zukunft. Welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell?

Schon heute zeichnet sich ab, dass Roboter als Kollegen immer stärker unser Arbeitsumfeld prägen – aus Robots werden Cobots. Daher müssen wir mit unseren maschinellen Mitstreitern auch kommunizieren können. Diese neue Connected Industrial Workforce wird aber nicht nur in Werkshallen anzutreffen sein. Auch in den Büros ist eine verbesserte Schnittstelle zu den umgebenden Software-Systemen ein Mittel zur Effizienzsteigerung. Das liegt nicht nur daran, dass die Systeme komplexer werden und Mitarbeiter einfachere Zugangsbedingungen brauchen, um alle Möglichkeiten auszuschöpfen oder Probleme besser beheben zu können. Auch Big Data ist ein Motiv für die engere Vernetzung von Mensch und Maschine. Die Analyse großer Datenmengen wird mehr Informationen liefern, die Büroangestellte unterstützen. Die Folge sind halbautomatische Prozesse – so zum Beispiel Entscheidungen, die von der Maschine vorbereitet und vom Menschen getroffen und umgesetzt werden.

Künftig werden alle bestehenden Berufe eine digitale Komponente haben @RiemenspergerF Klick um zu Tweeten

Was ist dran am Szenario, dass ganze Berufe mit der Digitalisierung von der Bildfläche verschwinden werden?

Die Technologien im Hintergrund erledigen immer mehr Aufgaben, die bisher von Mitarbeitern bewältigt wurden oder zuvor schlichtweg nicht möglich waren. Gleichzeitig entstehen durch die Technik auch neue Perspektiven und Chancen, die zusätzliche Mitarbeiter mit neuen Kompetenzen erfordern. So sind zum Beispiel für die Analyse von großen Datenmengen neue Qualifikationen erforderlich. Nehmen Sie das neue Berufsfeld des „Digital Artists“: Zu den Aufgaben dieses Jobs gehört es, Benutzeroberflächen und damit Mensch-Maschine-Schnittstellen zu gestalten. Wir benötigen auch mehr Experten für Kundenerfahrung – das sogenannte „Customer Experience Design“. Denn im Zuge der digitalen Transformation entstehen Geschäftsmodelle, die zunehmend vom Erfolg der Nutzererlebnisse abhängen. Dabei gilt es zu verstehen, dass künftig alle bestehenden Berufe in irgendeiner Form eine digitale Komponente haben werden. Doch nicht die Berufe an sich werden automatisiert, sondern vielmehr die verschiedenen Tätigkeiten, die dazu gehören.

Was meinen Sie damit konkret?

Routinetätigkeiten werden immer mehr automatisiert und für den Menschen wegfallen. Somit verändern sich die Kernfähigkeiten, die in verschiedenen Berufen gebraucht werden. Die Berufsbilder entwickeln sich weiter, digitale Fähigkeiten kommen dazu. Wir haben Studien durchgeführt, die zu dem Ergebnis kommen, dass emotionale Intelligenz, geistige Flexibilität und kritisches Denken wichtiger werden, während die klassischen Prozess-Skills an Bedeutung verlieren. Vor allem kognitive Nicht-Routinetätigkeiten wie sie ein Psychologe ausübt oder manuelle Nicht-Routinetätigkeiten wie in der Pflege haben Zukunft.

Derzeit sinkt hierzulande trotz steigender #Digitalisierung sogar die #Arbeitslosigkeit @RiemenspergerF Klick um zu Tweeten

An der Frage, ob mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung mehr Arbeitsplätze verloren gehen als neue entstehen, scheiden sich die Geister. Was meinen Sie?

Je mehr Routinetätigkeiten ein Arbeitsplatz enthält, desto eher wird er verschwinden. Laut den US-Wissenschaftlern Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford müssen beispielsweise Kassierer zu 97 Prozent und LKW-Fahrer zu 98 Prozent mit Jobverlust rechnen. Ob das wirklich so kommt, ist nicht klar. Es gilt aber: Je mehr kreative und soziale Intelligenz notwendig ist, desto geringer ist hingegen die Wahrscheinlichkeit der Automatisierung. Bei Sozialarbeitern, Lehrern und Allgemeinmedizinern beträgt sie lediglich ein Prozent. Dabei wird oft außer Acht gelassen, dass gerade in einer Gesellschaft, die stark von digitalen Diensten geprägt ist, neue immaterielle Bedürfnisse entstehen – und damit auch neue Berufsbilder.

In unserer Region ist die Angst vor massivem Arbeitsplatzabbau durch Digitalisierung im Großen und Ganzen unbegründet. Derzeit sinkt hierzulande trotz steigender Digitalisierung sogar die Arbeitslosigkeit. Langfristig wird sie über die größeren Wirtschaftsnationen hinweg prognostiziert nur um 0,3 Prozent steigen. Außerdem ist die Digitalisierung eine Chance für mehr Diversity – die Veränderung und Flexibilisierung der Arbeit ist besonders auch für Frauen attraktiv. Die möglichen Verlierer der weiteren Automatisierung sind hingegen die Entwicklungsländer, etwa Asien, wo heute billig für die westlichen Staaten produziert wird.

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Frank Riemensperger sprach auf der Eröffnungsfeier der Zukunft Personal 2016, Foto: Peter Porst

Inwiefern profitieren Frauen von der Digitalisierung?

Das ist das Ergebnis einer Accenture-Studie zur Gleichberechtigung am Arbeitsplatz durch digitale Fähigkeiten. In 16 der 31 untersuchten Länder erreichen Frauen ein höheres Bildungsniveau als Männer – unter anderem, weil sie digitale Technologien effektiver nutzen. Zudem eröffnen sich neue berufliche Chancen für Frauen, weil sie Dank der Digitalisierung flexibler arbeiten können. In Deutschland sind 61 Prozent der Frauen und Männer überzeugt, dass digitale Technologien es Frauen leichter machen, eine Beschäftigung aufzunehmen und auf Dauer am Berufsleben teilzunehmen. An mehr Flexibilität im Beruf und eine bessere Work-Life-Balance dank der Digitalisierung glauben 53 Prozent. Eine weitere Folge der Digitalisierung ist, dass Frauen sich nun zunehmend für IT-Berufe interessieren, weil sie die neuen Qualifikationsfelder vielfach als attraktiver empfinden.

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Heute erleben wir oft noch sehr traditionelle Arbeitsverhältnisse, die an einen festen Arbeitsort und einen festen Arbeitgeber gebunden sind. Wie verändert sich das mit der Digitalisierung?

Wenn Sie sich ansehen, was heute ein Arbeitsverhältnis ausmacht, ist es meist so: Sie geben Ihre Zeit dem Arbeitgeber, dafür bekommen Sie ein Gehalt, Sozialleistungen, ein Ausbildungs- oder Fortbildungsversprechen, hoffentlich nette Kollegen und interessante Arbeit. Mit der ganzen Plattform-Ökonomie könnte sich das jedoch bald ändern – disruptive Modelle könnten auch unsere Art zu arbeiten stark verändern. Schon heute ist die Flexibilisierung der Arbeit ein großer Trend: Beschäftigte haben zunehmend die Möglichkeit ihren Arbeitsplatz wie gewünscht zu „konfigurieren“. Sie entscheiden sich, welche Sozialleistungen sie haben möchten oder ob ihnen mehr Freizeit oder mehr Gehalt wichtiger sind. International sehen wir schon, wie weit das gehen könnte. Das ist wie mit der „Losgröße eins“ in der Fertigung: Die Produktion wird stärker bedarfs- und verbraucherorientiert – und so ist das auch mit dem persönlichen Arbeitsverhältnis; es wird immer mehr zum Baukastensystem.

In diesem Zusammenhang fällt oft der Begriff Liquid Workforce. Welche Trends entstehen da?

Liquid Workforce bedeutet ja, dass die Belegschaft atmet, dass sich also die Anzahl der festen und freien Mitarbeiter beziehungsweise die zur Verfügung gestellte Arbeitszeit ständig verändert. Im Moment sind die Zeitarbeitsunternehmen eine Art Liquid-Workforce-Anbieter, zum Beispiel die großen Personaldienstleister wie Adecco und Manpower. Wir sehen ansonsten auch, dass Crowdworking in der Softwareentwicklung auf dem Vormarsch ist, etwa bei Firmen wie testbird. Doch vielleicht könnte sich dieser Markt für Liquid Workforce noch auf ganz andere Unternehmen ausweiten, an die wir bisher vielleicht in dem Zusammenhang nicht gedacht haben; auf Businessnetzwerke wie Xing oder LinkedIn. LinkedIn hat vermutlich das größte Arbeitskräfteverzeichnis und nun einen Spezialisten für Trainings dazugekauft. Und Xing bezeichnet sich mit coaches.XING.com als führende Coaching-Plattform für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

#Arbeiten40 Arbeitsverhältnis wird zum Baukastensystem - man kann es individuell konfigurieren @RiemenspergerF Klick um zu Tweeten

Eigentlich soll die Digitalisierung den Menschen dienen. Aber auch Effizienz, Effektivität und Kosten spielen eine Rolle. Was ist wichtiger und wird in Zukunft die Oberhand behalten?

Mit voranschreitender Automatisierung werden die Aufgaben für Menschen anspruchsvoller. Qualifizierte Mitarbeiter werden also immer wichtiger für den Unternehmenserfolg. Die Frage ist: Kommen wir mit der Qualifizierung hinterher? Wir bauen deshalb aktuell in der Accenture Stiftung zusammen mit Kooperationspartnern die „Digitale Lernwerkstatt“ auf.

In dieser Lernwerkstatt geht es darum, einen Trainingskatalog mit grundlegenden Fertigkeiten zu entwickeln, den unter anderem auch Lehrlinge in der Ausbildung durchlaufen sollen. Da sind einige relativ simple Dinge dabei wie die Nutzung digitaler Medien. Aber da junge Menschen meist schon recht fit darin sind mit technischen Geräten umzugehen, versuchen wir ein darüber hinausgehendes Verständnis für Technik zu entwickeln, etwa in Bezug auf Datenspeicherung und Datensicherheit. Wir möchten erklären, wie Big Data und Analytics eigentlich funktionieren und für Daten sensibilisieren. Außerdem geht es um den Bau eines eigenen digitalen Profils – und das ist etwas ganz anderes als nur bei Social Media mitzumachen. Wir erklären, wie man sein digitales Profil zum Beispiel im Hinblick auf den Arbeitsmarkt managen kann, so dass man von potenziellen Arbeitgebern wahrgenommen wird – angefangen von einem Xing-Profil bis hin zur eigenen Website. Weitere Inhalte drehen sich rund um die ganze Mensch-Maschine-Interaktion. Um eine entsprechende Aus- und Weiterbildung zu garantieren, sollte die Personalstrategie zunehmend ein fester Bestandteil der Unternehmensstrategie werden.

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