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Fachkräftemangel, demografischer Wandel, alternde Belegschaften, digitale Transformation – die Arbeitswelt befindet sich inmitten gravierender Veränderungsprozesse. Nicht nur die Altersstruktur in Unternehmen, sondern auch die Einstellung der Menschen zur Arbeit ändert sich. Der gemeinsame Nenner in der Vielfalt der Bedürfnisse sind Gesundheit und Wohlbefinden. Doch wie können Arbeitgeber diese Themen individualisieren? Und wer trägt dafür die Verantwortung? Handlungsempfehlungen und ein Appell für mehr Mut zu einer gesunden Kultur von Dr. Natalie Lotzmann, INQA-Themenbotschafterin „Gesundheit“ und Leiterin Globales Gesundheitsmanagement der SAP SE.

Bedürfnisse der Mitarbeiter erkennen

Die aktuelle Studie „Wertewelten Arbeiten 4.0“ des Bundesarbeitsministeriums zeigt: Die Unternehmen von heute und morgen sehen sich mit den unterschiedlichsten Wertevorstellungen, Bedürfnissen und Idealen von „guter Arbeit“ konfrontiert.  Im Wettbewerb um neue Fachkräfte müssen sie sich an neuen, individuelleren Bedürfnissen orientieren (siehe Interview mit Peer-Oliver Villwock).

Die Bedürfnisse der Mitarbeiter hinsichtlich Gesundheit und Wohlbefinden zu kennen und belastende betriebsspezifische Faktoren zu ermitteln, werden zu Grundvoraussetzungen, um gesundheits-, motivations- und erfolgsförderliche Rahmenbedingungen gezielt gestalten zu können. Dabei ist eines klar: Herkömmliche gesundheitsfördernde Maßnahmen alleine, wie Rückenschule, Pausenübungen, ein Zuschuss zum Fitnessstudio oder ein Obstkorb im Besprechungsraum, greifen zu kurz.

#BGM Rückenschule, Pausenübungen, Zuschuss zum Fitnessstudio oder Obstkorb greifen zu kurz @INQAde @SAP Klick um zu Tweeten

Die schnelllebige Arbeitswelt im digitalen Zeitalter fordert ihren Akteuren einiges ab. Wo neue Geschäftsmodelle und Arbeitsabläufe im Sekundentakt entstehen, werden langjährige Denkweisen und frühere Erfolgsmodelle obsolet. Um am Markt bestehen zu können, sind Flexibilität, Kundenorientierung und das Streben nach ständiger Verbesserung bestehender Produkte, Prozesse und Dienstleistungen DIE Voraussetzung für die Sicherstellung des Erfolgs in der Zukunft. Dies geht nur mit Mitarbeitern, die ihre eigenen Bedürfnisse mit zwei Aspekten in Einklang bringen können: dem Bekenntnis zum Erfolg ihres Unternehmens und der Bereitschaft zu lebenslangem Lernen.

Die neue Arbeitswelt verstärkt die psychomentalen Belastungen, denen mit einer gesunden UnternehmensKULTUR begegnet werden muss: eine Kultur, die Bedürfnisse respektiert, Ressourcen stärkt, den Umgang mit den herausfordernden Anforderungen erleichtert und damit den Erhalt von Lebensbalance und Zufriedenheit ermöglicht.

Wann ist genug genug?

Die Digitalisierung bringt neben ständig neuen technischen Anforderungen, der empfundenen Gefahr von Kontrolle oder der Notwendigkeit der Erreichbarkeit auch Freiheiten mit sich – wie etwa die Möglichkeit, orts- und zeitflexibel seinen Aufgaben nachzugehen. Diese Freiheiten müssen die Unternehme jedoch, wo immer es der betriebliche Ablauf zulässt, kulturell gewähren können – und das ist oft ein Maß für die Ausprägung einer Vertrauenskultur. Nicht selten hat diese Freiheit dann aber wiederum ihren Preis: Wann hört Arbeit auf und wann fängt Freizeit an? Wie weit fühle ich mich verantwortlich und wann lasse ich los? Wie schalte ich ab, obwohl andere, zum Beispiel in anderen Zeitzonen, aktiv sind? Wann ist genug genug?

Was passiert, wenn vorhandene und bereitgestellte Ressourcen und die Selbstachtsamkeit nicht ausreichen, die zunehmenden Belastungen zu kompensieren, zeigt eine Statistik der AOK: Psychische Erkrankungen haben zwischen 2003 und 2014 um 44 Prozent zugenommen. Die wirtschaftlichen Folgen dieser Tendenz liegen auf der Hand. Laut statistischem Bundesamt ist die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen bereits auf über 50 Millionen gestiegen, die direkten Krankheitskosten belaufen sich jährlich auf über 30 Milliarden Euro. Diese Zahlen zeigen: Gesundheit ist keine reine Privatsache, selbst kein alleinig betriebswirtschaftlich relevantes Problem. Gesundheit ist zu einem gravierenden volkswirtschaftlichen Faktor geworden.

#Gesundheit ist zu einem gravierenden volkswirtschaftlichen Faktor geworden @INQAde @SAP #BGM Klick um zu Tweeten

Der Krankenstand kommt dabei allerdings ganz am Ende der Wirkungskette. Am Anfang steht, wie sehr man sich seinen Kollegen, dem Team und dem Unternehmen verbunden fühlt, wie das Verhältnis zur Führungskraft ist und in welchem Verhältnis die empfundene Belastung (beispielsweise Stresserleben) zu der Zufriedenheit bei der Arbeit aussieht.

Gesundheit: eine Frage der Führungskultur

Neben der individuellen Ebene hat Gesundheit in Unternehmen also auch eine organisationale Dimension. Die Verantwortung für die eigene Gesundheit liegt (ungeachtet des Rechts auf physisch sichere Arbeitsbedingungen) zwar auch im digitalen Zeitalter bei jedem einzelnen selbst. Achtsamkeit mit sich selbst und anderen, Grenzen setzen und respektieren und zu gegebener Zeit auch einfach „abschalten“ können und im Hier-und-jetzt präsent sein – das sind wichtige Kernkompetenzen des neuen Zeitalters. Ebenso wichtig ist jedoch eine Unternehmenskultur, die diese Eigenverantwortung ermöglicht und fördert. Diese Kultur zu schaffen, ist eine zentrale Aufgabe einer zukunftsfähigen Unternehmensführung.

Dabei gilt es strukturelle, organisatorische Themen und Aspekte einer gewissen Haltung gleichermaßen zu gestalten. Die Bereitstellung ergonomisch günstig gestalteter Arbeitsplätze, die Berücksichtigung von Sicherheitsvorschriften, eine funktionierende zeitgemäße technische Infrastruktur, der Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen, eine wo immer möglich flexible Arbeitszeitgestaltung und das Angebot lebensphasengerechter Arbeitszeitmodelle stehen für Struktur und Organisation. Dabei ist das kulturelle „Wie“ ein entscheidender Faktor. Eine gesundheitsfördernde Unternehmenskultur wird durch die Haltung der Führungskräfte geprägt: Gleichgültigkeit, permanent kommunizierter Druck oder gar herablassendes Verhalten werden von Mitarbeitenden ebenso registriert, wie Respekt, Anerkennung, eine Wertschätzung der Leistung und sichtbare Investitionen in Gesundheit und Wohlbefinden. Dieses vermeintliche „Nice-to-have“ hat entscheidenden Einfluss auf Zufriedenheit, Wohlbefinden und Identifikation mit dem Unternehmen und damit auf das Engagement der Beschäftigten.

Eine gesundheitsfördernde Unternehmenskultur wird durch Haltung der Führungskräfte geprägt @INQAde @SAP #BGM Klick um zu Tweeten

Gesundheit und Gesundheitskultur sind messbar

Sie wollen Ihr Unternehmen maximal gut aufstellen, um die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft zu meistern? Sie haben erkannt, dass Ihre Mitarbeiter der Schlüssel dazu sind? Sie wissen nur noch nicht wie Sie das angehen? Als ersten Schritt empfiehlt sich eine Analyse der gesundheitsrelevanten Anteile an Struktur und Organisation. Der INQA-Check „Gesundheit“ der Initiative Neue Qualität der Arbeit, der auf der Messe Zukunft Personal vorgestellt wird, hält ein passendes Instrumentarium dafür bereit.

Als zweiten Schritt empfiehlt sich die Durchführung von Mitarbeiterbefragungen, wie sie etwa auf den Seiten der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz unter www.baua.de zu finden sind. Stellen Sie sicher, dass die für Ihr Unternehmen relevanten Fragen dabei sind, beispielsweise:

  • Wie werden die Arbeitsbedingungen erlebt und welche Verbesserungsvorschläge gibt es?
  • Wie wird die direkte Führungskraft erlebt, wie die Unternehmensleitung?
  • Wie ausgeprägt ist der Stolz für das Unternehmen zu arbeiten, wie stark steht man hinter den Produkten/Dienstleistungen, wie wahrscheinlich empfiehlt man sein Unternehmen als Arbeitgeber weiter?
  • Wie groß ist die empfundene Stressbelastung, wie fühlt man sich im Erhalt der Lebensbalance unterstützt und wie zufrieden ist man mit seiner Arbeit alles in allem?

Um es klar zu sagen – Verbesserungsbedarf gibt es immer. Wie viel, ist nur eine Frage des Ausgangsniveaus. Verbesserungen ernsthaft anzustreben, lohnt sich auf jeden Fall, da die Mitarbeiter einen breit angelegten, aufrichtigen gemeinsamen Prozess bereits als respektvolle mitarbeiterorientierte Kulturarbeit und als Förderung der organisationalen Gesundheit erleben.

Auch der Zusammenhang zwischen Gesundheitskultur und Profitabilität eines Unternehmens ist mittlerweile berechenbar. SAP ermittelt und veröffentlicht seit vielen Jahren seinen Gesundheitskulturindex und berechnet mit einer externen Unternehmensberatung den Einfluss auf den Geschäftserfolg: In 2015 entsprach 1 Prozentpunkt Erhöhung beim Gesundheitskulturindex einer Zunahme des operativen Gewinns von 80 Mio. Euro. Damit ist das Thema Gesundheitskultur zu Recht endgültig in die unternehmenswichtigen KPIs aufgerückt.

Dennoch zögern noch viele Unternehmen, solche wichtigen Fragen zu stellen, aus Furcht vor Transparenz, vor internem Handlungsdruck und manchmal auch aus Ratlosigkeit vor der Folgefrage „Was dann?“.  Dabei ist der Anfang leicht: Anregungen und Hinweise, wie es um die eigene Gesundheitskultur bestellt ist, bieten wie bereits erwähnt einfache und kostenfreie Selbstchecks und Mitarbeiterbefragungstools sowie frei zugängliche und bewährte Analyse- und Handlungshilfen. Konkrete Beispiele betrieblicher Gesundheitsförderung erhalten Sie unter anderem im Rahmen des Beratungsprogramms unternehmensWert:Mensch.

Zuhören, verstehen und zielgerichtet investieren

Ein durch Befragungsergebnisse zielgerichtetes Gesundheitsmanagement trifft mit seinem Angebot den tatsächlichen Bedarf. Mein Praxistipp: Vernetzen Sie bereits im Vorfeld alle intern und extern mit Gesundheit befassten Stellen, wie Betriebsarzt, Personal, Arbeitssicherheit, Sozialberatung, Gesundheitszirkel, Krankenkassen und Berufsgenossenschaft, und sichern Sie den Austausch untereinander. Lernen Sie auch direkt von den Vorschlägen Ihrer eigenen Mitarbeitenden – sie wissen am besten wo sie der Schuh drückt und haben meist sehr realistische Ideen. Es gibt viele Klagen an einer Fertigungsstrecke? Möglicherweise schafft eine Investition in ergonomische Verbesserungen Abhilfe. Es treten in einem Bereich viele stressbedingte Symptome auf? Investieren Sie in Workshops zu Team Resilienz oder in Stressbewältigungs- oder Achtsamkeitskurse und schulen Sie Ihre Führungskräfte.

#BGM Gemeinsame Pausenübungen können nicht über eine mangelnde Vertrauenskultur hinweghelfen @INQAde @SAP Klick um zu Tweeten

Was auch immer Sie brauchen, Sie müssen das Rad nicht neu erfinden. Von der Initiative Neue Qualität der Arbeit oder der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsgesundheit gibt es viele frei zugängliche und bewährte Analyse- und Handlungshilfen, von den bereits angesprochenen Checklisten und Mitarbeiterbefragungen bis zu konkreten Beispielen betrieblicher Gesundheitsförderung (wie zum Beispiel beim Beratungsprogramm unternehmensWert:Mensch), die auch Arbeitgeber Ihres Unternehmenstyps schon erfolgreich einsetzen.

Wichtig bei allem, was wir tun, ist allerdings: Statt allein mit den Auswirkungen zu kämpfen, müssen wir die Ursachen angehen. Der Obstkorb ersetzt kein gesundes Kantinenessen. Die Existenz von Zuschüssen zum Fitnessstudio erhöht nicht das Bewusstsein in der Gesamtbelegschaft. Die Rückenschule greift zu kurz, wenn die Muskelverspannung durch psychische Belastungen am Arbeitsplatz ausgelöst wird. Gemeinsame Pausenübungen können nicht über eine mangelnde Vertrauenskultur hinweghelfen. Seien Sie mutig, stellen Sie die richtigen Fragen, hören Sie zu und gewinnen Sie die Unternehmensleitung für die Gestaltung einer gesunden Kultur. Weil es sich auch rechnerisch lohnt.


Über die Autorin

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Foto: Dr. Natalie Lotzmann

Dr. Natalie Lotzmann ist Fachärztin für Arbeitsmedizin und Betriebswirtin. Sie ist seit 1997 im Personalmanagement der SAP tätig, aktuell als Vice President HR, Chief Medical Officer und Leiterin Global Health Management. Als Themenbotschafterin der Initiative Neue Qualität der Arbeit des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales setzt sie sich für gesunde Arbeitsbedingungen ein.

Auf der Messe Zukunft Personal können Sie Dr. Natalie Lotzmann zum Thema „Chefsache Gesundheit: Impulse für eine gesundheitsförderliche Unternehmenskultur“ live auf der Bühne erleben: am Donnerstag, 20. Oktober 2016, 10:15 – 11:00 Uhr (Forum 2, Halle 2.1, Koelnmesse). Weitere Podiumsgäste sind Dr. Julia Schröder, Geschäftsführung des Instituts für Betriebliche Gesundheitsförderung Köln (BGF), Stefan Sandor, Geschäftsführer der Baucentrum Cronrath GmbH, Henri Mertens, Geschäftsführer der Dental-Technik Mertens GmbH, und Dr. Julia Kropf, Moderatorin und Business-Coach.

Informationen zu kostenfreien Handlungshilfen für eine gesunde Unternehmenskultur erhalten Sie am Messestand der Initiative Neue Qualität der Arbeit – INQA (Halle 2.1, Stand S.22).

 

 

 

 

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