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Foto: Peer-Oliver Villwock, Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Wie können sich Personalverantwortliche am besten auf die Bedürfnisse einer jungen und besonders anspruchsvollen Arbeitnehmer-Generation einstellen? Lange galt die so genannte Generation Y als das Schreckgespenst für Personaler. Die Generation habe kein Interesse an klassischen Karrieren und etablierten Beschäftigungsformen, hieß es. Daher müssten Unternehmen ihnen neue Anreize bieten. Nun zeigt eine Studie der Initiative Neue Qualität der Arbeit im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, dass sich die Interessen von Arbeitnehmern nicht in Generationen unterscheiden lassen, sondern in Wertevorstellungen. Haben Personaler also völlig umsonst nach Anreizen für die Generation Y gesucht? Wir haben mit Peer-Oliver Villwock vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gesprochen.

 

Es gibt gar keine Generation X, Y oder Z , sagt Peer-Oliver Villwock vom BMAS @INQAde #Arbeiten40 Klick um zu Tweeten

Herr Villwock, was ist falsch an der Denke „Generation X, Y, Z“?

Vieles, denn die Bedürfnisse von Arbeitnehmern lassen sich letztlich nicht in Generationen einteilen. Man kann schlicht nicht sagen, dass Menschen, die vor 1980 geboren wurden im Schnitt andere Bedürfnisse haben, als Menschen, die ein paar Jahre später geboren wurden. Das wäre zu einfach.

Für unsere Studie „Wertewelten: Arbeiten 4.0“ haben wir in Tiefeninterviews mehr als 1.200 Menschen befragt und dabei herausgefunden, dass die Sichtweisen von Arbeitnehmern deutlich komplexer sind. Vorstellungen von guter Arbeit lassen sich bei Arbeitnehmern in sieben unterschiedliche Wertewelten einteilen. Das bedeutet, dass sich die Ansprüche an Flexibilität, Sicherheit, Wertschätzung oder Sinnstiftung unterscheiden – aber eben nicht anhand des Alters oder anderen soziodemographischen Merkmalen von Arbeitnehmern. Vielmehr geht es um komplexe Wertekonstrukte von Menschen, die bestimmen, wie sie gute und auch schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen empfinden.

Ich würde sogar noch weiter gehen: Es gibt gar keine Generation X, Y oder Z – jedenfalls in Bezug auf die Arbeitswelt. Zugespitzt formuliert: Die Generationen-Denke hat vor allem Personalberater erfreut, die Unternehmen immer neue Ideen und Konzepte verkaufen wollten. Doch angesichts der Vielfalt der Ansprüche konnten diese Konzepte gar nicht funktionieren. Die Beraterbranche kann aber ganz beruhigt sein: Es ergeben sich aus dieser Vielfalt sicher auch wieder neue Beratungskonzepte – nur eben deutlich individuellere.

#arbeiten40 Wer gute Arbeitsbedingungen bieten will, muss zuhören können und die richtigen Fragen stellen Klick um zu Tweeten

Das hört sich nicht ganz einfach an für die Personalabteilungen und die Führungsverantwortlichen. Was raten Sie, wie diese vorgehen können?

Da kommt viel Arbeit auf die Personalabteilungen zu. Wer wirklich gute Arbeitsbedingungen bieten will, muss vor allem zuhören können – und die richtigen Fragen stellen. Es wird immer wichtiger, die unterschiedlichen Ansprüche aller Beschäftigten herauszufinden.

Die Initiative Neue Qualität der Arbeit unterstützt Personalabteilungen beispielsweise mit dem INQA-Audit „Zukunftsfähige Unternehmenskultur“. Dabei werden die Ansichten der Mitarbeiter und die Ansichten der Führungsverantwortlichen im Rahmen einer anonymisierten Befragung verglichen. So kommen Unterschiede in den Vorstellungen schnell zu Tage und man kann gemeinsam Lösungen entwickeln. Auch das ist entscheidend: Gute Personalführung kann nicht allein von oben herab funktionieren. Wenn es im Unternehmen hakt, müssen Veränderungsprozesse gemeinsam angestoßen werden, dann werden sie auch gemeinsam getragen. Und nur dann können sie auch langfristig wirken.

Das setzt allerdings die Erkenntnis voraus, dass nicht nur die betrieblichen, sondern auch die individuellen Ansprüche an unsere Arbeitswelt sehr vielfältig sind. Nur wer dies erkennt, kann auch individuelle Lösungen entwickeln, die letztliche diese Vielfalt zum Nutzen aller widerspiegeln.

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Grafik: Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Nun arbeiten Sie in einem Bundesministerium: Wie sieht es denn bei der Politik aus muss  sich diese dann nicht auch verändern?

Für die Politik ist diese Erkenntnis genauso herausfordernd. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat bereits vor einigen Monaten deutlich gemacht, dass „One size fits all“-Lösungen nicht mehr passen. Für Arbeitgeber und Beschäftigte wird es wichtiger, flexible Lösungen zu finden – auf tariflicher oder auf betrieblicher Ebene. Dafür muss die Politik die Rahmenbedingungen ermöglichen.

Das bedeutet aber auch, dass Politik komplexer wird. Wer einfache Lösungen für die vielfältige Realität unserer Arbeitswelt verspricht, liegt falsch. Und deshalb hat die Ministerin Nahles den Dialogprozess „Arbeiten 4.0“ gestartet und ist mit Arbeitgebern, Arbeitnehmern, der Wissenschaft und der Politik sowie vielen Bürgerinnen und Bürgern in den Diskurs getreten. Es ging darum, zuzuhören. Vor welchen Herausforderungen stehen die Menschen und die Betriebe? Welche Chancen sehen sie? Was sind ihre Sorgen und was ihre Hoffnungen?

Diese Fragen hat das BMAS in einem Grünbuch gesammelt und derzeit arbeiten Sie an einem Weißbuch, das Antworten auf diese Fragen benennen soll. Wird damit das Suchen und Rantasten beendet sein?

Nein, denn nicht auf alle Fragen kennen wir schon heute eine abschließende Antwort. Wir werden daher sicherlich als Ministerium das Zuhören und den offenen Dialog nicht beenden. Nur im ständigen Austausch werden wir in einer dynamischen Arbeitswelt die notwendigen flexiblen Lösungen finden.

Herr Villwock, vielen Dank für das Gespräch. 

Das Gespräch führte Martin Matte, INQA-Pressestelle.


Über Peer-Oliver Villwock

Peer-Oliver Villwock ist Leiter der Unterabteilung Ic „Zukunft der Arbeitswelt“ im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Er ist auch verantwortlich für die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA). Auf der Zukunft Personal ist INQA mit den Thementagen an allen drei Messetagen vor Ort (Halle 2.1 der Koelnmesse, Forum 2). Auch die Studie „Wertewelten: Arbeiten 4.0“ wird im Rahmen der Messe vorgestellt – zum Beispiel am Messestand der INQA (Halle 2.1, Stand S.22).

Weiter Informationen zur Studie „Wertewelten: Arbeiten 4.0“ und die Möglichkeit, Ihren eigenen Arbeitstyp zu ermitteln,  finden Sie unter https://www.arbeitenviernull.de/mitmachen/wertewelten.html.

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