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Foto: Judith Williams

Im Gespräch mit Judith Williams, Unternehmerin, Fernsehmoderatorin und Investorin beim Start-up-Format „Die Höhle der Löwen“ (VOX)

Judith Williams ist die einzige Frau in der Investorenriege der Start-up-Show „Die Höhle der Löwen“ auf VOX. Als Europas erfolgreichste TV-Unternehmerin – Williams vertreibt über die Teleshopping-Sender HSE24 in Deutschland und QVC in Großbritannien ihre eigenen Kosmetikprodukte und erwirtschaftet einen Jahresumsatz im dreistelligen Millionenbereich – hat sie das nötige Know-how und den richtigen Riecher für Millionenideen. Wir sprachen mit der gelernten Opernsängerin und Keynote-Sprecherin der Messe Zukunft Personal darüber, was gute Ideen ausmacht, wie sie entstehen und was etablierte Unternehmen von der Gründerszene lernen können.


Frau Williams, inzwischen läuft die dritte Staffel von „Die Höhle der Löwen“. Wie wohl fühlen Sie sich denn in der Gründerszene?

Die Start-up-Szene mit ihrer positiven Energie und den vielen Menschen voller Eifer ist ganz großartig – genau das brauchen wir in Deutschland. Viele Dinge, die Start-ups bewegen, erlebe ich selbst, wenn ich ein neues Produkt auf den Markt bringe. Natürlich ist die IT-Branche nicht ganz so mein Ding, aber es gibt auch da Konzepte, in die ich investiert habe. Ich bin regelmäßig in Berlin und schaue mir dort viele Start-ups an. Das ist so erfrischend, wenn man sich das im Vergleich zu vielen alteingesessenen Firmen anschaut, in denen Mitarbeiter oft sagen, „Nein, das geht nicht anders, das machen wir schon seit hunderttausend Jahren so“. Zum Glück hat sich da etwas verändert, dass wir nun auch hierzulande diesen Spirit von Begeisterung für den Wandel haben. Dieses „Juhu, wir machen jetzt etwas ganz Neues“ – diese Atmosphäre ist toll und deswegen stehe ich so dahinter. Außerdem brauchen wir mehr Frauen in der Start-up-Szene.

Judith Williams, Investorin in Die Höhle der Löwen: Wir brauchen mehr Frauen in der #startup Szene @voxdhdl Klick um zu Tweeten

Warum mischen so wenige Frauen in der Start-up-Szene mit?

Hier in Deutschland dominiert noch immer das „Überbild“ der Mutter. Ich habe mein Start-up vor zehn Jahren gegründet, im gleichen Monat als ich mein erstes Kind bekommen habe. Das konnten alle gar nicht glauben – Kind und eigenes Unternehmen. Viele sagten, „Mach doch erst mal zwei Jahre Pause“. Ich habe etwa sechs Monate Pause gemacht und dann meine Kleine mitgenommen. Das kriegt man schon hin. Aber Frauen haben dabei oft ein ganz schlechtes Gewissen.

Natürlich ist es toll, dass Frauen zuhause bleiben können, wenn sie einen festen Job haben und sich eine längere Elternzeit wünschen. Das ist einfach Typ-Sache. Ich bin eine glücklichere Mutter, wenn ich arbeiten darf. Und vermutlich würden auch andere Frauen weiter arbeiten wollen. Das Problem ist: Man traut es ihnen nicht zu. Sogar bei der „Höhle der Löwen“ habe ich das erlebt. Wenn da eine Frau reinkam mit Kindern, dann hörte ich von den männlichen Investoren: „Ja, haben Sie auch einen Mann? Ja, oh Gott, Kinder und ein Mann, dann kann man Ihnen ja nur viel Glück wünschen, dass Sie das mit Ihrem Geschäft schaffen.“ Ich war fassungslos, denn umgekehrt würde man ja nie auf die Idee kommen, sowas zu einem Mann zu sagen, der Frau und Kind hat. Deshalb denken Frauen oft, sie müssten sich entscheiden, aber es geht doch beides.

Meine Mädels richten sich zuhause schon ihr Kosmetikstudio ein und wollen angerührte Cremes verkaufen. Die machen natürlich das nach, was die Eltern vorleben. Wir müssen einfach Frauen stärker machen und sagen: „Hey, du bist keine schlechte Mutter, auch wenn du zur Arbeit fährst.“ Das ist alles eine Frage der Arbeitsteilung.

Ein Start-up zu gründen ist oft ein steiniger Weg: Mehr als 80 Prozent scheitern dabei. Warum ist die Quote so hoch?

Wer sich überlegt, Gründer zu werden, geht verschiedene Dinge durch. Dann bleibt davon eine Sache hängen, die man einfach mal angeht. Wenn es nicht klappt, gründen viele das zweite oder dritte Unternehmen. Um eine erfolgreiche Firma aufzubauen, muss man einige Dinge ausprobiert haben und lernen, worauf es ankommt. Die Kunst besteht darin, nicht zu viel Geld zu verbrennen, sodass man finanziell noch Luft hat das nächste Ding anzupacken. Jeder muss sein eigenes Geschäft finden.

Überlegen Sie mal, wie viele Prozesse und Ideen in Firmen anlaufen, die überhaupt nichts bringen. Die verlaufen oft einfach im Sand, wenn man merkt, das erreicht nicht die Zahlen oder die Ziele, die man sich gesetzt hat. Das ist genau das Gleiche: Nicht alles klappt im Leben. Aber das Wichtige ist, dass die 10 Prozent, die gelingen, dann wirklich großartig sind, so dass man alles dafür tun möchte. Und man kann lernen, wie Geschäftsideen gelingen.

Judith Williams (Die Höhle der Löwen): Man kann lernen, wie Geschäftsideen gelingen @voxdhdl #startup Klick um zu Tweeten

Worauf kommt es denn da an, also nach welchen Indikatoren richten Sie sich, wenn Sie in ein Start-up investieren – nach Zahlen oder Bauchgefühl?

Es ist viel Bauchgefühl, aber man muss auch die Zahlen kennen. Wenn Sie zum Beispiel ein Produkt wie eine neue Stricknadel haben, müssen sie genau wissen, wie groß der Markt ist. Wenn es ein IT-Produkt ist, muss man zudem erkennen, ob es etwas Ähnliches schon gibt. Manchmal sind die Start-ups zu langsam oder die Branche ist so schnell, dass sie mit dem Geld und Know-how, das sie zur Verfügung haben, nicht nach vorne kommen können. Und manche Gründer sind einfach so begeistert von der Szene, dass sie unbedingt mitmachen wollen, obwohl sie keine verkäufliche Idee haben. Es gilt herausfinden, wie viel Know-how und Start-up-DNA der Gründer hat und welche Möglichkeiten sein Produkt bietet.

Inwiefern sind Sie selbst schon einmal als Unternehmerin gescheitert?

Nehmen wir mal ein ganz einfaches Beispiel: Ich dachte vor etwa acht Jahren, Teleshopping in Deutschland müsse jetzt Nagellack haben. In England verkauften sie mit ihren Sendungen auf der ganzen Welt Unsummen an Nagellack, Glitzer und alles, was dazu gehört. Die Szene wollte ich aufmischen, aber das lief überhaupt nicht. Für Nagellack war die Zeit einfach noch nicht reif. Ich habe die Bedürfnisse meiner Kunden falsch eingeschätzt. Die deutsche Frau lackierte sich damals nicht wie die Engländerin jeden Tag ihre Nägel, sie hatte einen roten und der reichte ihr. Man muss sich ständig seine Kunden anschauen: Die Customer Obsession ist extrem wichtig, wenn man ein Produkt rausbringen will. Man muss wissen, wer der Kunde ist, was er tut und gut findet. Wenn ich heute Nagellack verkaufen würde, wäre es vielleicht etwas anders. Der deutsche Markt hat sich gewandelt, und ich war meiner Zeit vielleicht voraus. Das passiert vielen Start-ups, dass sie einfach zu früh dran sind. Erfolg hat auch mit dem richtigen Zeitpunkt zu tun. Dafür braucht man viel Fingerspitzengefühl.

Wie motivieren Sie sich, wenn es nicht so gut läuft?

Dann überlege ich sofort, welche Schrauben man drehen muss. Ich setze mich gleich ans Telefon, informiere alle, versammle sie an einen Tisch und packe die Dinge an. Ich lasse mich davon gar nicht runterziehen, sondern überlege, was ich richtig gemacht habe und was noch zu tun ist, um ein brachliegendes Feld zu besetzen. Da gebe ich so viel Gas, dass ich weiß, nächstes Mal steht es richtig.

Inwiefern beobachten Sie diese Stehauf-Mentalität auch bei anderen Gründern?

Es gibt verschiedene Typen von Gründern. Die einen sind eher Elche, die sich nach einer Niederlage zurückziehen und lieber in eine Festanstellung gehen. Dann gibt es die Unreflektierten, die einfach weitermachen ohne etwas zu ändern. Meistens laufen sie noch einmal gegen die gleiche Mauer. Und dann gibt es die reflektierten Stehaufmännchen. In der neuen Generation sind viele, die sich von Niederlagen nicht unterkriegen lassen. Jeder entscheidet ja selber, wie lange er am Boden liegt. Ich habe viel mit jungen Leuten zu tun, die lernen oft schon in der Schule, nach neuen Lösungen zu suchen, wenn sie sich verschätzt haben.

Es gibt verschiedene Gründer-Typen: Elche, Unreflektierte und Stehaufmännchen @voxdhdl #startup Klick um zu Tweeten

Wie lässt sich diese Motivation auf die Mitarbeiter übertragen?

Man sollte nicht immer mit dem anfangen, was nicht geklappt hat. Ich mache zuerst eine Bestandsaufnahme dessen, was wir hinbekommen haben. Es gibt ja nicht die eierlegende Wollmilchsau, wir sind alle Menschen mit Stärken und Schwächen. Man sollte die Stärken der Mitarbeiter erkennen. Ich frage meine Mitarbeiter immer: „Was brauchst du dafür, dass du deinen Job so perfekt machen kannst, um abends total glücklich nach Hause zu fahren?“ Viele sind oft erst einmal völlig perplex, aber kommen dann ins Denken. Sie fühlen sich wertgeschätzt, weil ich überhaupt diese Frage stelle. Es geht darum, Mitarbeitern zu helfen, ihre Ziele zu erreichen und Erfolgserlebnisse zu haben. Dafür muss man immer wieder den Kontakt zu den Mitarbeitern suchen.

Was sagen denn Ihre Mitarbeiter, was sie für einen glücklichen Arbeitstag bräuchten?

Die sagen nie so Dinge wie „Ich brauche eine längere Mittagspause“. Da geht es hauptsächlich um die Zusammenarbeit und Entscheidungsfreiheit. Dann stelle ich oft die Gegenfrage: „Kannst du das, was du dir wünschst, auch von deiner Seite aus gewährleisten? Wenn wir das alle im Team so machen, wie großartig wäre das denn!“ Da kommen die meisten in die Selbstreflexion und merken, sie könnten auch noch mehr tun. Dann lasse ich sie größtenteils auch schon laufen, weil sie kapiert haben, worum es geht. Denn oft erlebe ich die Haltung: Wenn die anderen nur machen würden, dann könnte ich viel besser arbeiten. Deshalb versuche ich den Mitarbeitern zu helfen, diese Schleife auf sich selbst zurückzuführen.

Inwiefern können denn die Mitarbeiter bei Ihnen auch mitentscheiden, zum Beispiel bei der Lancierung neuer Produkte?

Unsere Mitarbeiter haben sehr viel Eigenverantwortung und dürfen vieles entscheiden. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Mitarbeiter, die Verantwortung übernehmen dürfen, viel glücklicher und motivierter sind. Das dauert aber. Wenn sie ins Unternehmen kommen, laufen sie erstmal nur mit, beobachten, schauen und müssen den Markt verstehen. Wenn wir merken, die Person hat es jetzt kapiert, dann geht sie allein los. Das Schöne bei uns ist, dass man das Produkt sieht und stolz sein kann auf das, was man geschaffen hat.

Wenn die Corporate Manager mir ein neues Produkt vorschlagen, dann sage ich nicht nur einfach Hü oder Hott. Durch die Art und Weise, wie ich ihnen die Entscheidung vermittle, sollen sie lernen, worauf es ankommt. So kann ich dann meist bei dem nächsten Produkt, das sie auf den Markt bringen wollen, ja sagen. Um diese Freiheiten zu gewähren, brauchen wir Leute, die gerne anpacken und gestalterisch tätig sind – ein bisschen so wie eigene Unternehmer. Wir bieten dafür die nötige Spielwiese.

Judith Williams: Mitarbeiter, die Verantwortung übernehmen dürfen, sind glücklicher und motivierter @voxdhdl Klick um zu Tweeten

Sowohl Start-ups als auch etablierte Unternehmen brauchen gute Ideen für ihre Produktinnovationen. Wie kann man denn die Kreativität der Mitarbeiter unterstützen?

Kreativität braucht eine wertfreie Atmosphäre, die ohne Vorurteile auskommt, so dass Ideen in einem Brainstorming nicht gleich niedergedroschen werden. Mitarbeiter müssen den Freiraum und das Vertrauen haben, dass sie erstmal rumspinnen können. Wir machen das so, dass die Leute ihren Ideen unabhängig von der Machbarkeit erstmal freien Lauf lassen und wir alles aufschreiben. Dann gehen wir das gemeinsam in verschiedenen Runden durch und überlegen, was ist überhaupt umsetzbar. Da überlasse ich den Mitarbeitern die Entscheidung. Klar, glaubt man als CEO immer, man weiß alles besser. Ich bin quasi die Mama des Unternehmens. Als Mutter möchte ich aber auch, dass meine Kinder allein Fahrradfahren und ich sie nicht immer auf dem Gepäckträger mitnehmen muss. Sie sollen irgendwann selbst fahren und mich mitnehmen.

Was können wir sonst noch von Start-ups lernen?

Start-ups haben eine gewisse Naivität, die viele etablierte Unternehmen verloren haben. Je mehr Erfahrung wir haben, desto mehr wissen wir, was alles passieren könnte. Aber meistens passiert das ja gar nicht – das vergessen wir oft. Deshalb ist dieser leidenschaftliche Anpackwille etwas, was wir auf Unternehmen übertragen sollten. Ich sage immer: „Blühe dort, wo Du gepflanzt bist.“ Vielleicht wollen wir irgendwann noch ganz woanders hin oder ein noch größeres Bäumchen werden, aber dafür müssen wir die Bedingungen schaffen. Es gilt, heute den Samen dafür zu streuen, dass wir uns morgen zu der Person entwickeln, die am gewünschten Ziel arbeiten und überleben kann. Es ist ja gut und schön, wenn jemand CEO oder was auch immer sein möchte. Aber man muss sich auch selbstkritisch fragen, ob man das Werkzeug dafür schon hat.

Welche Ziele haben Sie sich noch für Ihre berufliche Zukunft gesetzt und was tun Sie dafür?

Bei mir liegen immer so viele Dinge auf dem Teller und ich möchte mich ständig „begradigen“. Ich muss mir gut überlegen, was ich anpacken möchte, weil ich so viele verschiedene Angebote habe. Es bringt ja nichts, überall mitzumischen. Man sollte ausgewählte Projekte richtig nach vorne bringen. Wir weiten uns mit unserer Kosmetikmarke gerade international aus. Die ganzen Start-ups von der Höhle der Löwen kommen auch noch dazu, wobei ich bei dem ein oder anderen inzwischen auch schon aussteigen kann. Dieses Netzwerk ist mir sehr wichtig. Ich liebe es Dinge anzunehmen, bei denen ich mich selbst coachen muss und wachsen kann. Zum Beispiel habe ich vor ein paar Jahren angefangen, Keynote-Vorträge zu halten. Das war eine Herausforderung, die ich annehmen und ausprobieren wollte. Dabei habe ich herausgefunden, dass mir das wahnsinnig viel Spaß macht. Aber es gilt immer: Der erste Schritt muss irgendwann gemacht werden.

Interview: Stefanie Hornung


Veranstaltungstipp:
Keynote-Vortrag von Judith Williams auf der Messe Zukunft Personal:
„Erfolg durch Motivation: Was wir von Start-up-Unternehmern lernen können“
Special Keynote, Donnerstag, 20.10.2016 – 15:00-16:30, Keynote Arena (Forum 1)

Über Judith Williams

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Foto: Judith Williams

Judith Williams (geb. 1971) ist Europas erfolgreichste TV-Unternehmerin und seit 2014 Business Angel in der preisgekrönten Start-up-Show „Die Höhle der Löwen“ auf VOX. Die Investorin und Beraterin studierte klassischen Gesang an der Musikhochschule Köln sowie Ballett an der Londoner Royal Academy of Music und feierte ihre ersten Bühnenerfolge. Mitte der 1990er Jahre musste sich Williams wegen eines gutartigen Tumors einer Hormonbehandlung unterziehen, die ihre Stimme beeinträchtigte. Durch einen Zufall entdeckte sie ihr Verkaufstalent. Seit 2001 moderiert Judith Williams nun beim Teleshopping-Kanal HSE24 und wurde dafür in Philadelphia/USA zur TV-Präsentatorin ausgebildet. Seit 2006 vertreibt sie ihre eigene Judith-Williams-Markenwelt mit über 800 Produkten aus den Bereichen Kosmetik, Mode, Schmuck und Parfum.  Mittlerweile ist Judith Williams Premium-Marke bei QVC in England und Schottland und hat in München ihr erstes eigenes Schönheitsinstitut eröffnet.

 

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