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Der Weckruf: „Schlafmangel ist ein unternehmensweites Problem”

Vicki-Culpin_onlineInterview mit Schlafforscherin Prof. Vicki Culpin

Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder sagte: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Lange galt Schlaf als etwas für Schwächlinge. Bis heute preisen viele Manager ihre Fähigkeit, mit wenig Schlaf auszukommen, wie etwa Marissa Mayer von Yahoo, Tesla-CEO Elon Musk oder US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump. Doch neuere Untersuchungen zeigen, dass Schlafmangel erhebliche Auswirkung auf die Leistung, die körperliche Gesundheit sowie das soziale und emotionale Leben haben kann. Sollten Arbeitgeber nun also Schlaf zu ihrer Angelegenheit machen, wie sie es bereits bei anderen Aspekten der Mitarbeitergesundheit tun? Wir sprachen mit Schlafforscherin Prof. Vicki Culpin von der britischen Business School Ashridge Executive Education, die eine der Hauptrednerinnen auf der Messe Zukunft Personal im Oktober sein wird.

Prof. Culpin, haben Sie heute Nacht gut geschlafen?

Leider klappt das nicht immer. Wenn ich nicht sieben oder acht Stunden schlafe, gehe ich mit mir selbst hart ins Gericht. Ich versuche, wirklich genug zu schlafen, alles andere wäre ja komisch, oder?

Ja, das ist vermutlich Ihr Schicksal als Schlafexpertin, dass Sie mit gutem Beispiel vorangehen müssen. Braucht jeder sieben bis acht Stunden Schlaf oder wie lange sollten wir schlafen?

Schlaf ist sehr individuell! Manche Menschen sind von Natur aus Kurzschläfer, andere Langschläfer. Die American Sleep Association sagt, dass gesunde Erwachsene im Alter von 20 bis 60 Jahren im Durchschnitt zwischen sieben und neun Stunden Schlaf pro Nacht brauchen, um gesund zu bleiben. Laut unserer aktuellen Forschung liegen die Menschen meist darunter. Aber das Problem ist nicht, dass wir weniger schlafen, als wir sollten. Schlimmer ist dauerhafter Schlafverlust. Also wenn es chronisch wird und jemand über einen längeren Zeitraum nicht genug schläft, hat das wirklich erhebliche Auswirkungen auf verschiedene Dinge wie Wahrnehmung und körperliche Gesundheit.

Inwiefern arbeiten wir besser, wenn wir gut schlafen?

Wir haben eine groß angelegte Studie mit mehr als tausend Menschen durchgeführt und ihnen Fragen über die Qualität und Quantität ihres Schlafs gestellt – und wie sie das im Job beeinflusst. Es gibt schon viel Forschung, aber meist zu sehr speziellen Zielgruppen wie Piloten, Ärzten, Fernfahrern oder Menschen mit klinischen Erkrankungen. Das ist natürlich sehr wichtig, aber ich bin viel mehr daran interessiert, was Schlaf bei normalen Menschen im Arbeitsleben bewirkt.

Wir haben herausgefunden, dass die Schlafmenge bei den Studienteilnehmern aller Hierarchiestufen gleich war. Die Befragten haben alle nicht genug geschlafen, im Schnitt sechseinhalb Stunden.

Die Teilnehmer berichteten von verschiedenen Effekten, wie Schwierigkeiten mit Kollegen zu interagieren und sich in Meetings zu konzentrieren. Sie waren der Meinung, dass ihr soziales Leben leide, dass sie häufiger Kopfschmerzen bekämen oder sich schnell eine Erkältung einfingen. Und eine Sache war sehr interessant: Menschen der unteren Hierarchieebenen berichteten von stärkeren Beeinträchtigungen als die in höheren Führungspositionen.

#CorporateHealth Mitarbeiter aller Hierarchiestufen schlafen zu wenig @Ashridge_Biz #BGM Klick um zu Tweeten

Wie erklären Sie sich das?

In Anbetracht dessen, dass die Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung genauso viel oder wenig schliefen wie ihre Vorgesetzten, hat die Schlafmenge folglich nichts damit zu tun. Es könnte vielmehr sein, dass die Mitarbeiter der niedrigeren Hierarchien eher bereit sind, offen über die Auswirkungen von schlechtem Schlaf zu sprechen, weil das für sie kein Karrierekiller ist. Vielleicht sind die Menschen in höheren Hierarchieebenen gewitzter darin, die Auswirkungen zu verschleiern oder sie schämen sich einfach dafür. Denkbar ist auch, dass die Senior Manager tatsächlich weniger Schlaf brauchen, also bessere Mechanismen oder eine Art genetische Veranlagung haben, damit fertig zu werden.

Wie dem auch sei, die Kernaussage ist jedenfalls, dass dies nicht nur die Beschäftigen betrifft, die den höchsten Verantwortungsdruck und entsprechenden Stress haben. Schlafmangel ist ein unternehmensweites Problem. Wir sollten das Thema auf allen Ebenen vom Mitarbeiter bis zum CEO adressieren.

Einige Auswirkungen haben Sie schon genannt. Wie beeinflusst Schlafmangel denn unsere Entscheidungsfähigkeit?

Es wirkt sich auf die Qualität der Entscheidung aus und die Folgen, die eine gewisse Entscheidung hat. Bei manchen Menschen verlangsamt sich die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Die gesamte Informationsverarbeitung wird ein wenig langsamer. Dann kann es passieren, dass Sie riskantere Entscheidungen treffen, weil Sie nicht alle Informationen aufnehmen und nicht so rational denken – und zwar egal, ob Sie von Natur aus eine risikofreudige oder eher risikoscheue Person sind. Eine Reihe von Studien zeigt zudem, dass Sie Ihrer Entscheidung, egal ob richtig oder falsch, mehr vertrauen.

#CorporateHealth Wer wenig schläft, trifft schlechtere und risikoreichere Entscheidungen @Ashridge_Biz #BGM Klick um zu Tweeten

Aber das hat auch mit der Qualität unseres Schlafs zu tun, oder? Was können wir tun, um besser zu schlafen?

Auf jeden Fall. Es ist immer eine Frage der persönlichen Präferenzen, aber es gibt schon eine Reihe von Dingen, die man beachten kann. Fangen wir bei der Schlafumgebung an: Wir neigen zum Einschlafen, wenn unsere Körperkerntemperatur etwas unter normal liegt. Manchmal ist es sehr verlockend, das Schlafzimmer kuschelig warm zu haben, aber das kann die Schlafqualität beeinträchtigen.

Die zweite Sache ist das Licht: Unser Schlaf-Zyklus wird durch eine Vielzahl von Dingen diktiert, aber wir werden auf jeden Fall durch an und ausgehendes Licht gestört. Wenn es dunkel ist, ist das ein Hinweis für unseren Körper, dass es Zeit ist zu schlafen und wenn es hell ist, aufzuwachen. Wenn Sie schlechte Vorhänge haben und es sehr früh am Morgen hell wird, registriert das Ihr Körper und bringt Sie in leichten Schlaf. Sie wachen früher auf als Sie vielleicht wollen. Besonders wenn Sie in einer Stadt leben, wo Sie viel Straßenbeleuchtung haben, sollten Sie über Verdunkelungsvorhänge oder Rollos nachdenken. Dann benötigen Sie aber auch einen sehr guten Wecker.

Der dritte Faktor ist die Qualität von Matratze und Kopfkissen. Es gibt viele Leute, die dazu raten, diese Dinge in einem bestimmten Turnus auszutauschen. Für einen guten Schlaf ist es wichtiger, dass Sie sich einfach wohlfühlen. Wachen Sie mit einem steifen Hals oder Kopfschmerzen auf?

Was würden Sie vor dem Schlafengehen zum Entspannen empfehlen?

Da gibt es einiges. Wenn Sie vor dem Schlafengehen fernsehen, ein Tablet oder Smartphone benutzen oder im Bett lesen, dann brauchen Sie länger, um einzuschlafen. Alles, was Sie kognitiv beansprucht, macht es schwerer abzuschalten, weil Ihr Gehirn immer noch sehr aktiv ist. Also wenn Sie vor dem Schlafengehen lesen, empfehle ich Ihnen ein Buch, das nicht so fesselnd ist.

Manche Menschen reagieren sehr stark auf Koffein. Wenn Sie keine Schlafbeeinträchtigungen spüren, machen Sie sich keine Sorgen. Aber wenn Sie feststellen, dass Sie länger brauchen, um einzuschlafen, sollten Sie Ihre Koffeinzufuhr beobachten. Koffein bleibt lange Zeit im Körper. Wenn Sie also empfindlich auf Koffein reagieren, sollten Sie versuchen nur morgens Kaffee zu trinken, dann spätestens noch nach dem Mittagessen um ein oder zwei Uhr und es dann für den restlichen Nachmittag oder Abend sein lassen. Das gilt auch für scharfes Essen oder Lebensmittel, die schwer im Magen liegen. Da Ihr Körper länger braucht, um diese Dinge zu verarbeiten, versuchen Sie, nicht zu spät zu essen, und wenn Sie spät essen, dann lieber nichts Scharfes oder Schwerverdauliches.

Auch körperliche Betätigung ist fantastisch, um die Qualität des Schlafes zu verbessern. Es beeinflusst den Schlaf-Zyklus, egal welche Art der Betätigung Sie wählen. Sie muss auch nicht besonders anstrengend sein. Aber auch hier: Stellen Sie sicher, dass Sie sich nicht zu kurz vor der Schlafenszeit bewegen, lassen Sie mindestens zwei bis drei Stunden Zeit dazwischen.

Und schließlich Alkohol: Viele halten es für eine Art Beruhigungsmittel. Menschen schlafen schneller ein, wenn sie ein oder zwei Gläser getrunken haben. Es scheint also den Schlaf zu verbessern. Was tatsächlich passiert ist, dass die Schlafqualität häufig schlechter wird. Wenn Sie nachts oft aufwachen oder sich morgens nicht ausgeruht fühlen, sollten Sie keinen Alkohol vor dem Zubettgehen trinken.

#Schlaf Kognitive Anstrengung vor dem Zubettgehen lässt uns schlechter einschlafen @Ashridge_Biz #BGM Klick um zu Tweeten

Haben Sie irgendwelche Tipps, was wir tun können, wenn wir nachts aufwachen? Schafe zählen?

Jeder wacht nachts auf, aber manchmal sind wir uns dessen nicht bewusst, weil wir in leichten Schlaf fallen und dann wieder einschlafen. Manche Glücklichen kriegen es nie mit, dass sie aufwachen. Wir sollten uns keine Sorgen machen, denn das macht die Dinge oft schlimmer. Aber ich gebe zu, dass Aufwachen in der Nacht stressig sein kann, besonders wenn Sie einen Partner neben sich haben, der auch aufwachen könnte, oder Sie über die Auswirkungen am nächsten Tag nachdenken.

Was Sie tun können, hängt davon ab, wie lange Sie wach liegen. Aber sobald Sie das Licht einschalten oder sich kognitiv beschäftigen, geben Sie Ihrem Körper ein Zeichen zu sagen: „Oh, es ist Zeit aufzuwachen“. Ich weiß, das ist wirklich schwer, aber wenn es geht, schalten Sie nicht das Licht ein, lesen Sie nicht und schauen Sie nicht fern. Bleiben Sie einfach im Dunkeln liegen. Wenn Sie Angst kriegen, dass Sie nicht weiterschlafen können, müssen Sie irgendwie Ihren Kopf leer kriegen. Etwas Wiederholendes wie Schafe zählen scheint manchen zu helfen, als eine Art Meditation. Andere wiederum sagen, dass sie beim Zählen erst recht wach werden, weil sie sich so konzentrieren. Da muss jeder den Weg finden, der für ihn am besten funktioniert.

Manchmal haben wir nachts die besten Ideen, auch wenn wir gar nicht unbedingt schlecht schlafen. Wie können Sie das erklären – was passiert da?

Ja, das ist wirklich faszinierend. Obwohl die genauen Mechanismen unklar sind, wissen wir, dass Schlaf sehr wichtig für die Gedächtniskonsolidierung ist. Alle Ereignisse und Dinge, die wir im Laufe des Tages erlebt, gesehen, geschmeckt, berührt oder gelernt haben, werden sortiert und während des Schlafes in unserem Gehirn abgelegt.

Bei diesem Sortier- und Speichervorgang passiert etwas im Gehirn, das uns erlaubt, verschiedene Denkstränge zu verbinden und das große Ganze zu betrachten. Wir scheinen Dateien mit Dingen auszupacken, die wir lange nicht gesehen oder geöffnet haben, und neu zu prüfen, wie sie mit allem zusammenpassen. In dieser Art Denkprozess können uns großartige Ideen kommen. Menschen, die sehr kreativ sind, die malen, zeichnen oder schreiben, verwenden auch ihre Träume. Viele Leute sagen, dass im Traum etwas geschieht, das uns am nächsten Morgen kreativer macht.

Sind Träume Anzeichen für guten oder schlechten Schlaf?

Wir sind uns sehr sicher, dass die meisten Menschen immer in bestimmten Zeiträumen ihres Schlafs träumen. Und Traumschlaf ist wichtig. Guter Schlaf beinhaltet alle verschiedenen Arten von Schlaf: Traumschlaf, leichten Schlaf und Tiefschlaf, in verschiedenen Abschnitten und zu verschiedenen Zeiten während der Nacht. Wenn wir schlecht schlafen, haben wir oft viel leichten Schlaf und viel Traumschlaf, aber keinen Tiefschlaf. Manchmal glauben wir, dass wir die ganze Nacht geträumt haben, aber meistens erinnern wir uns nur an die Träume, die wir fünf bis fünfzehn Minuten vor dem Aufwachen hatten.

#Schlaf ist wichtig für die Gedächtniskonsolidierung @Ashridge_Biz #BGM Klick um zu Tweeten

Wie kann ein Nickerchen während des Tages einen schlechten Nachtschlaf ausgleichen?

Es gibt zwei Arten von Nickerchen. Eine dauert so zehn bis fünfzehn Minuten. Ein Schläfchen dieser Länge ist wie eine tiefe Meditation oder Achtsamkeitsübung. Das ist genug, um sich ausgeruht zu fühlen, ohne in Tiefschlaf zu fallen. Denn wenn Sie das tun – und das ist uns allen schon mal an einem Samstagnachmittag auf dem Sofa passiert – dann fühlt man sich sehr groggy, desorientiert oder hat manchmal ein bisschen Kopfschmerzen. Es dauert lange, bis man wieder richtig aufwacht. Das will man natürlich vermeiden, vor allem am Arbeitsplatz.

Bei der anderen Art Nickerchen durchläuft man den ganzen Schlafzyklus, was etwa eine bis eineinhalb Stunden dauert. Das ist ausreichend, um Erlebtes, zum Beispiel vom Morgen, zu konsolidieren. Sie fühlen sich sehr entspannt und regeneriert. Wenn Sie chronischen Schlafentzug haben, ist diese Art Nachmittagsschlaf wunderbar. Natürlich werden aber bei der Arbeit nur wenige Menschen so lange pausieren können.

Nickerchen sind aber nicht zwangsläufig gesund. Schlaf basiert auf unserem Schlaf-Wachrhythmus, dem sogenannten circadianen Rhythmus von 24 Stunden, und der Tatsache, wie müde wir sind, dem so genannten Schlafantrieb. Je länger wir wach bleiben, desto müder werden wir. Gleichzeitig gibt es einen 24-Stunden-Zyklus, der mit hell und dunkel, Tag und Nacht einhergeht. Wenn Sie nun ein Nickerchen am Nachmittag machen, vor allem, wenn es ein langes ist, dann reduziert das ihren Schlafantrieb, so dass Sie nachts vielleicht schlechter einschlafen können. Ein Teufelskreis: Sie machen ein Nickerchen und sind erst spät müde. Und dann bekommen Sie nicht mehr genug Schlaf und müssen am nächsten Tag ein Nickerchen machen…

Empfehlen Sie also ein Nickerchen am Arbeitsplatz?

Das kommt auf die jeweilige Person an. Manche finden ein Nickerchen fantastisch und andere tun sich schwer damit. Wahrscheinlich hat das auch mit Übung zu tun. Am Arbeitsplatz muss man berücksichtigen, welche Rolle jemand hat und ob es praktikabel ist, dass jemand eine Pause für ein Schläfchen macht. Wichtig ist oft nicht der Schlaf, sondern einfach eine Pause vom Job, von der geistigen Anstrengung. Wenn Sie spazieren gehen, Mittagspause an einem anderen Ort als Ihrem Schreibtisch machen oder sich mit Kollegen unterhalten, ist das oft so effektiv wie Schlaf.

Manche Menschen sind vom Typ her Lerchen, das heißt, dass sie die größte Energie am frühen Morgen haben. Andere wiederum sind vom Typ her Eulen und haben ihren Leistungspeak spät in der Nacht. Wenn Sie eher Typ Lerche sind, dann leiden Sie oft nach dem Mittagessen und kämpfen sich bis zum Nachmittag durch, weil Sie Ihr Leistungshoch schon überschritten haben. Für diese Personen kann ein Nickerchen am Nachmittag sehr effektiv sein.

Für Lerchen (Frühaufsteher) kann ein Nickerchen am #Arbeitsplatz sinnvoll sein #Schlaf @Ashridge_Biz Klick um zu Tweeten

Vor kurzem kündigte eine US-Krankenkasse an, dass ihre Mitarbeiter einen Teil des Gehalts im Schlaf verdienen können: Der Chef zahlt Boni an besonders ausgeschlafene Mitarbeiter. Könnte das ein erstes Anzeichen für eine Art Schlaf-Revolution am Arbeitsplatz sein?

In der Tat hat dieses Unternehmen seine Mitarbeiter dazu angehalten, einen dieser wireless Aktivitätstracker zu tragen, die auch den Schlaf aufzeichnen können. Es ist eine tolle Initiative, weil sie die Bedeutung von gutem Schlaf hervorhebt und Mitarbeiter ermutigt, Schlaf ernst zu nehmen und ihn aktiv zu beobachten.

Vielleicht kann eine finanzielle Belohnung manchen Menschen helfen, aber eine nachhaltige Verhaltensänderung kann sie nicht garantieren. Wenn Sie mit den Menschen über ihren Schlaf sprechen, wollen diese gern gut oder länger schlafen. Sie brauchen nicht unbedingt einen Anreiz, sondern Strategien, die ihnen dabei helfen – wie flexible Arbeitszeit, damit sie später zur Arbeit kommen oder am Abend arbeiten können, einen Tag Homeoffice die Woche, um zu einer vernünftigen Zeit ins Bett zu kommen, oder Kinderbetreuung, um nicht mitten in der Nacht aufstehen zu müssen. Wichtiger wäre also darüber nachzudenken, wie wir den Beschäftigten zu besserem Schlaf verhelfen.

Wer Schlaf belohnt haben möchte, muss persönliche Daten offenbaren. Einige Kritiker sagen, dass dies problematisch werden könnte, wenn die Unternehmen Entlassungen planen und zu entscheiden haben, wer gehen muss. Welche anderen Gefahren sehen Sie noch?

Das Sammeln von Gesundheitsdaten hat viele Vorteile, aber auch Schattenseiten. Wer solche Daten von sich sammelt, kann sich auch mehr Sorgen darüber machen. Und wir wissen, dass Schlaf sehr fragil sein kann. Auch wenn Sie in der Regel sehr gut schlafen, setzen Sie sich leicht unter Druck, wenn Sie am nächsten Morgen früh aufstehen müssen, zum Beispiel um einen Flug zu bekommen. „Ich muss schnell schlafen, weil ich morgen früh um vier Uhr aufstehen muss“. Sobald uns dieser Gedanke in den Kopf kommt, wird es schwierig, einzuschlafen. Dass wir uns der Dauer und Qualität des Schlafs bewusst sind, ist oft der erste Schritt für sinnvolle Verhaltensänderungen. Aber die andere Seite ist, dass wir dann vielleicht besessen davon werden und jeden Tag ständig unsere Daten checken. Es wird spannend sein zu beobachten, wie neue Technologien und Big Data sich auswirken werden – nicht nur auf den Schlaf, sondern auf alle gesundheitlichen Aspekte, die wir heute selbst überwachen können.

Bisher haben Manager oft damit geprahlt, dass sie mit wenig Schlaf auskommen. Nun scheint es, dass Schlaf sie erfolgreicher machen könnte. Erleben wir bald eine Art Bedeutungswandel von Schlaf?

Vor etwa neun Jahren habe ich einen beruflichen Wechsel von einem akademischen Umfeld zu einem business-zentrierten vollzogen. Damals sprach noch niemand über Betriebliches Gesundheitsmanagement. Schlaf war kein Thema und schlimmer noch: Es galt wirklich als eine Art Auszeichnung, 15 bis 17 Stunden pro Tag zu arbeiten und kaum zu schlafen. Niemand befasste sich mit möglichen Nebenwirkungen, Nachteilen oder Risiken von Schlafentzug. So gesehen war es eine interessante Reise für mich. Als ich anfing, musste ich oft dafür kämpfen, Kunden oder Teilnehmer für das Thema zu gewinnen. Aber das Ganze ist immer populärer geworden, manche Top-Manager haben ganz offen darüber gesprochen. Deshalb interessieren sich Personalverantwortliche heute auch sehr für Schlaf als Thema ihrer Corporate-Health-Agenda.

Das ist hoffentlich ähnlich wie beim Thema Nachhaltigkeit vor zehn oder fünfzehn Jahren. Da fingen plötzlich alle an, darüber zu reden – auch im Organisationskontext. Heute ist Nachhaltigkeit ein wichtiger Bestandteil der organisatorischen DNA und der Unternehmensstrategie.

Früher galt es als Auszeichnung für #Manager, mit wenig #Schlaf auszukommen. Das ändert sich @Ashridge_Biz #BGM Klick um zu Tweeten

Vielleicht brauchen wir noch etwas mehr Bewusstsein für die gesundheitlichen Vorteile von Schlaf?

Das Problem mit der Schlafforschung ist, dass es so viele Wechselwirkungen gibt. Menschen, die schlecht schlafen, neigen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber Ursache und Wirkung sind schwer zu bestimmen. Es könnte sein, dass Sie eine Herz-Kreislauf-Krankheit haben und deshalb schlecht schlafen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass schlechter Schlaf diese Krankheiten bewirkt.

Wir müssen mehr darüber wissen – auch darüber, wie Schlaf Menschen in Organisationen beeinflusst. Vor allem wenn wir bedenken, dass die arbeitende Bevölkerung immer älter wird. Werden die Auswirkungen vielleicht deshalb noch gravierender? Ältere Menschen haben viele gesundheitliche Beschwerden, die eine zusätzliche Rolle spielen könnten. Besonders aus Sicht von HR-Managern, in Hinblick auf Talentmanagement, Recruiting und Retention, ist Gesundheit und Wohlbefinden der Mitarbeiter ein wichtiges Thema. Es braucht noch viele Studien aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, bis wir mit einem hohen Maß an Sicherheit sagen können, was guter oder schlechter Schlaf alles bewirkt. Das wird noch viele Jahre dauern.

Interview: Stefanie Hornung

 

Über Vicki Culpin

Vicki Culpin ist Fakultätsmitglied der privaten Business School „Ashridge Executive Education“ und auf Wirtschaftspsychologie spezialisiert, insbesondere auf das Thema Gesundheit. Sie arbeitet mit nationalen und internationalen Kunden aus öffentlichen, privaten und kulturellen Organisationen zusammen und hält Gastvorträge auf der ganzen Welt. Vicki studierte Psychologie an der Universität Manchester, gefolgt von einem MPhil und PhD in Psychologie an der Lancaster University und einem Master in angewandter Gerichtspsychologie an der Universität Leicester. Sie hat mehr als 17 Jahre der Wissenschaft gewidmet und zum Thema Gedächtnis bei Erwachsenen, Kindern und Straftätern geforscht. In jüngster Zeit beschäftigt sie sich mit den Zusammenhängen von Schlaf, Wohlbefinden und der Belastbarkeit in Management-Positionen.

Veranstaltungstipp:

Keynote-Vortrag von Prof. Vicki Culpin auf der Messe Zukunft Personal:

The wake-up call: The importance of sleep in organisational life (auf Englisch mit Live-Übersetzung)
Donnerstag, 20. Oktober 2016, 12 bis 13.30 Uhr, Forum 1, Halle 2.1, Koelnmesse

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1 Comment

  1. Ich hatte bis zur Geburt unseres Kindes immer einen guten Schlaf. Doch durch das nächtliche Aufstehen hat sich das stark verändert. Selbst in den Nächten, wo alle friedlich schlafen, liege ich oft stundenlang wach und finde den Punkt zum Einschlafen schlecht. Das wirkt sich doch auch stark auf meine Konzentrationsfähigkeit im Job aus und körperlich fühle ich mich auch oft nicht fit.

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