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Mathematik und Digitalisierung: „Überleben kostet auch Geld!“

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Foto: Gunter Dueck, CommonLense.de

Wer Gunter Dueck, den langjährigen IBM-Manager, Mathematiker, Autor und Stargast auf vielen Konferenzen und Kongressen, das erste Mal live erlebt, fragt sich vielleicht: Ist das Satire oder doch einfach bittere Realität? Im Interview anlässlich seiner Keynote auf der Messe Zukunft Personal, das wir in einer dreiteiligen Serie auf diesem Blog präsentieren, lernen wir ihn ebenso von zwei Seiten kennen: Während er im einen Moment über seine eigenen Ausführungen kichern muss, wird es im nächsten Atemzug wieder tiefgründig philosophisch. Wir sprachen mit ihm darüber, was Mathematik und „Omnisophie“ mit Digitalisierung zu tun haben (Teil 1), warum heute Netzwerkorganisationen Sinn machen (Teil 2) und was Metawork im Personalmanagement bedeutet (Teil 3). Viel Spaß beim Lesen!


Herr Dueck, Sie haben in Mathematik promoviert. Inwiefern kann man von dieser Disziplin etwas für die Arbeitswelt und das Management lernen?

Mathematiker haben oft ganz andere Vorstellungen vom Management und denken in sehr komplexen systemischen Zusammenhängen. Das flache Anschauen von Zahlen behagt ihnen absolut nicht. Ich habe ja auch Betriebswirtschaft studiert, die fand ich seltsam dürftig. Das relative simple Managen nach nur Umsatz und Marge erscheint da eben zu plump.

Wie gehen Sie stattdessen ans Managen heran?

Besonders in der disruptiven Zeit, die wir gerade erleben, sollte man sich zukunftsträchtige Sachziele setzen. Es ist viel Innovation nötig, die man nicht einfach mit „macht mal 5 Prozent plus“ erzeugen kann. Aber wer eine neue Idee vorstellt, wird gleich aufgefordert, zu beweisen, dass man Geld damit verdient. Die Frage nach dem Business dahinter ist legitim, aber die Leute, die Business-Cases beurteilen, gehen dann doch sehr schematisch heran, haben auch meist kein Gefühl für Zukunft oder Risiken. Manche Innovationen muss man einfach mitgehen, sonst ist man unmodern oder man stirbt sogar. Die Frage „Wenn wir nicht innovieren, wie viel kostet es dann?“ wird so gut wie nie betrachtet. Überleben kostet auch Geld!

Die Angst vor disruptiven neuen Geschäftsmodellen geht aber ja durchaus um im Management.

Ein neues Geschäftsmodell braucht eben auch ein anderes Management und neue Fähigkeiten, die eventuell nicht vorhanden sind. Bei einem Business, das relativ gleichmäßig läuft, nehmen Sie zum Beispiel so etwas wie McDonalds, reicht das bloße Anschauen von Umsätzen und Hamburgerzahlen vielleicht noch aus – dazu ab und zu einmal Experimente mit neuen Hamburgern. An solch ein stabiles Geschäft sind viele Manager gewöhnt. Sie haben ihre Denkmuster und lesen aus den Vergangenheitsdaten ihre Prognosen für die Zukunft. Wenn die Digitalisierung aber alles ändert, wenn die Zukunft nicht mehr mit Statistik vorausgesagt werden kann, sondern nur noch mit Gestaltungswillen selbst erzeugt werden muss?!

Manager lesen aus der Vergangenheit die Zukunft. Was, wenn die #Digitalisierung aber alles ändert? @wilddueck http://bit.ly/2aTB0H3 Klick um zu Tweeten

Ihre ganz eigene Philosophie nennen sie Omnisophie, so wie Ihre Website. Was verstehen Sie denn darunter?

Omnisophie – von omnis, lateinisch ganz, alle – ist ein Kunstwort von mir. „Antwort auf alle Fragen.“ Dabei gehe ich davon aus, dass der Mensch so etwas wie „drei Gehirnhälften“ hat. Man sagt ja, dass die linke Gehirnhälfte den logischen analytischen scharfen Verstand hat, in der rechten sitzt die ganzheitlich und assoziativ spürende Intuition. Aber dann ist da noch der menschliche Instinkt – sagen wir „im Bauch“. Wenn Sie dem Verstand, der Intuition oder dem Bauch dieselbe Frage stellen, bekommen Sie oft verschiedene Antworten.

Der Verstand ist mehr auf das Analysieren und Vergleichen angelegt, er wägt ab, denkt über Gerechtigkeit und Ordnung nach, erstellt Regeln, Gebote und moralische Pflichten, listet Tugenden und Sünden auf – Aristoteles, Konfuzius und die katholische Kirche lieben das. Auch die BWLer, viele Juristen, der Homo Oeconomicus oder das Über-Ich bei Freud sind eine Kopfgeburt des Verstandes.

Viele sind im Ruhestatus sehr verständig, werden aber unter Ärger leicht zum Sklaven des Instinkts @wilddueck http://bit.ly/2aTB0H3 Klick um zu Tweeten

Die Intuition ist kreativ und bunt, sie erkennt Muster und schafft Neues, sie fühlt Harmonie und Nichtstimmiges, sie mag keine Regeln, sondern verlässt sich auf vage Prinzipien, die sie aber sehr ernst nimmt. Sie sieht sich der Ethik, der Ästhetik, dem Frieden und der Gemeinsamkeit aller Menschen verpflichtet. Platons Ideenlehre gehört hierher, der Buddhismus und auch das Tao. „Widme dein Leben der Idee des Guten“, „Lass ab von Hass, Gier und Verblendung“, „Gehe den Weg“. Viele Künstler, Erfinder und Pioniere sind hoffnungslos rechthirndominant und „spinnig“, ich ja auch.

Der Instinkt im Bauch funktioniert wie ein Sensorensystem, sehr binär. Der Bauch signalisiert Gefahr Ja/Nein, Chance Ja/Nein, „Kauf ich“ Ja/Nein, „Auto kommt zu nahe“ Ja/nein, „Ich schwitze“ Ja/nein. Der Bauch weiß insbesondere, was Schmerz und Lust ist, was Bock macht oder langweilig ist.

Lassen sich die „drei Gehirnhälften“ bei uns Menschen denn immer so trennen?

Wie sich ein Mensch verhält, was er glaubt und wonach er handelt, hängt sehr davon ab, „auf wen er am meisten hört“, auf den Verstand, die Intuition oder den Instinkt. Es ist nicht so, dass man mal auf den Verstand hört, dann wieder nach Gefühl urteilt. Der so genannte Charakter bildet sich als Gewohnheit aus, wann man auf wen hört und auf wen man hört, wenn man unter Stress steht. Viele sind im Ruhestatus sehr verständig, werden aber unter Ärger leicht zum Sklaven des Instinkts.

Wenn man das auf die aktuelle Digitalisierung überträgt, welcher Aspekt setzt sich da aus Ihrer Sicht eher durch?

Das Problem der ganzen Digitalisierung ist, dass Computer programmiert werden müssen – und man muss ihnen dazu tonnenvoll Regeln beibringen. Wir können ihnen zumindest heute noch keine Intuition einpflanzen, sie körperlich Lust und Schmerz spüren lassen oder ihnen Gefühle wie etwa Angst beibringen. Also stopfen wir sie mit Regeln, Zahlen, Listen und Daten voll und füllen sie mit Wenn-dann-Vorschriften.

Maßnahmen des Managements heißen dann „Programme“. Innovationen werden nicht nach Geschäftssinn behandelt, sondern in Prozesskaskaden von der Idee zum Prototyp, zur Investitionsentscheidung, dann zum Grobplan, zum Feinplan… So geht es nicht! So wird es aber versucht. Nur mit Verstand. Die großen Innovationen sind immer eher intuitiv gewesen. Sehnsucht nach einer besseren Welt oder der Wille, neue Kontinente zu erobern, könnten die Digitalisierung wirklich bewegen – wenn man dies endlich einmal zuließe.

#Innovationen werden nicht nach Geschäftssinn behandelt, sondern in Prozesskaskaden. So geht das nicht! @wilddueck blog.zukunft-personal.com/de/2016/08/08/mathematik-und-disruption-ueberleben-kostet-auch-geld Klick um zu Tweeten

Zur Diktatur des Verstandes kommt heute oft noch eine Machiavelli-Sicht auf den Erfolg, der mit allen Mitteln erzwungen werden soll. Man setzt den Verstand zur Manipulation ein. Manager bereichern sich oft selbst – und arbeiten eben nicht für das Unternehmen. Politiker wollen nur noch gewählt werden – egal von wem, weshalb und mit welchem Programm. Sie wiegeln das Volk auf, polarisieren und fangen Stammtischstimmen, die Stimmen der Prekären und Ängstlichen. Der Verstand ökonomisiert die Wirtschaft, automatisiert Berufe und entlässt viele Mitarbeiter in die Mindestlohnzone – ja, und hinterher peitscht man auf die Massen der Benachteiligten ein, um die Macht zu untermauern. Trump oder die AfD sind absolut machiavellistisch, und auch die anderen Parteien wühlen opportunistisch in Daten: „Was muss ich sagen, damit ich Pluspunkte bekomme?“

Inwiefern könnten uns in Zukunft Roboter vorschreiben, wie wir uns bei der Arbeit zu verhalten haben? Rein technisch wäre das ja möglich, die elektrische Zahnbürste gibt es ja zum Beispiel schon mit einer entsprechenden Kontroll- und Empfehlungsfunktion…

Wenn die Roboter, die ja per Verstand programmiert wurden, noch Spielraum für Vernunft zulassen, dann ginge es ja. Leider ist es so, dass die komplexeren Arbeiten dauernd von engstirnigen Anweisungen gestört werden. Top-Ärzte mit den schwierigen Fällen bekommen vom Computer bald regelmäßig die Frage, warum sie nicht das Standardverfahren wählten – das hat natürlich im ersten Anlauf nicht geklappt. Also müssen gerade die Top-Leute dauernd begründen, warum ihre höhere Intelligenz besser ist als die des Standards. Der Gescheite muss sich vor dem Dummen rechtfertigen, seufz, dann macht die Arbeit doch keine Freude mehr. In den letzten Jahren bei IBM war ich noch einmal Personalvorgesetzter, nach über zehn Jahren Unterbrechung. Ich war schockiert, wie viel Arbeit die Prozessroboter auf sich ziehen – so viel ankreuzen, genehmigen und sondergenehmigen! Das mit der Zahnbürste ist da noch ein Witz dagegen.

Fortsetzung folgt…


Das ist der 1. Teil unserer Interviewserie.
Teil 2: Warum heute Netzwerkorganisationen Sinn machen und
Es folgt Teil 3: Was Metawork im Personalmanagement bedeutet

Veranstaltungstipp:
Keynote-Vortrag von Gunter Dueck auf der Messe Zukunft Personal:
Von Metawork und Backbrains – Gedanken über intelligentes Arbeiten
Dienstag, 18. Oktober 2016, 12 bis 13.30 Uhr, Forum 1, Halle 2.1, Koelnmesse

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2 Comments

  1. Das Statement zu BWLern nehme ich jetzt persönlich :-)

    Was bei Managern selten ankommt: Die letzte Dekade wurde damit verbracht, Management selber immer kleinteiliger zu verstehen. Jetzt kommen Herausforderungen, die damit nicht zu bewerkstelligen sind: Es geht ja nicht darum, einen bestehenden Business Process ein Quentchen mehr Marge abzuringen, sondern diesen als Ganzes in Frage zu stellen.

    Und hier kommen wir in einen Art Empathie Paradoxon (1): Es werden Qualitäten im Top Management erwartet, die vorher nicht gerade hilfreich waren, um sich im Middle Management zu behaupten.

    Danke für die Worte, liebe Grüße, Stephan Koß

    (1) http://german-iod.org/blog/2016/06/14/empathie-paradoxon-vorstand-und-aufsichtsrat-muessen-werte-vorleben/

  2. Wenn man sich genügend lange und intensiv mit einem Thema beschäftigt, dann stellen sich automatisch die richtigen Fragen. Wer hat aber noch die notwendige Zeit?

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