Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal von der Universität Wien spricht über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Foto: Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal

Österreich hält sich für familienfreundlich, doch es ist noch einiges zu tun, um den Wunsch nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erfüllen: Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal vom Institut für Arbeits- und Sozialrecht der Universität Wien unterstreicht die Notwendigkeit für einen gesellschaftlichen Wandel und für ein Umdenken in den Unternehmen. Der Experte für Familienforschung moniert vor allem die extrem langen Arbeitszeiten für Männer in Österreich: „Das verstärkt Ungleichheiten innerhalb des Paares und damit Beziehungsfrust.“ Wie es besser geht und inwiefern Arbeitgeber von mehr Familienfreundlichkeit profitieren, erklärt er in folgendem Gespräch.

Herr Dr. Mazal, wie familienfreundlich ist Österreich?

 Wie in jedem anderen Land gibt es hierzu keine generelle Aussage. Familien erhalten in Österreich viel Unterstützung, auf der anderen Seite brauchen sie aber noch weit mehr. Das hängt damit zusammen, dass wir heute in der Bevölkerung ziemlich inhomogene Familiensituationen und daher politische durchaus unterschiedliche Auffassungen haben: In weiten Teilen der Gesellschaft werden Kinder erst sehr spät und in geringem Ausmaß in die Welt gesetzt. Hier ist das Verständnis für Familien geringer als in Milieus, in denen Kinder und Familienleben selbstverständlich sind.

 Auf welchen Ebenen sehen Sie denn den größten Änderungsbedarf?

 Großer Änderungsbedarf besteht auf der einen Seite bei der persönlichen Einstellung der Menschen. Sie sehen zwar Familie als sehr hohen Wert, beschäftigen sich allerdings zu wenig mit den Bedingungen, unter denen Familie gelingen kann. Es ist ihnen zu wenig bewusst, dass Familie bedeutet, sich in ein System einzuklinken, sich in persönlichen Anliegen etwas hintanzustellen, um einer Gemeinschaft anzugehören. Der zweite Bereich, in dem massives Umdenken notwendig ist, sind die Unternehmen: Die Arbeitsbedingungen sind mit Familienbedürfnissen sehr oft inkompatibel.

 Im OECD-Vergleich schneidet Österreich in Sachen Familienförderung mit Platz 12 nicht besonders gut ab. Setzt die Politik hier falsche Prioritäten?

 Die Familienförderung wird hierzulande in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen als es der Realität entspricht: Österreich selbst hält sich für sehr familienfreundlich. Der objektive Befund der OECD belegt jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Was Geld- und Sachleistungen betrifft, liegen wir im schlechteren Mittelfeld – wobei ergänzend zu sagen ist, dass dabei Geldleistungen bis zum 24 Lebensjahr berücksichtigt werden, während sie in anderen Ländern typischerweise mit Erreichen der Volljährigkeit nicht mehr zur Familienleistung zählen. Und obwohl die Zahlen insofern sogar noch geschönt sind, schneiden wir im Vergleich mit anderen Ländern keineswegs ruhmreich ab.

Laut Studien genießt Familie gerade bei den jungen Leuten einen hohen Wert. Die Geburtenrate in Österreich steigt gerade wieder leicht an. Ist die Kehrtwende erreicht?

 Die Geburtenrate weist in Österreich zum einen deswegen nach oben, weil im Zuwanderermilieu eine typischerweise höhere Reproduktion stattfindet als in der autochthonen Bevölkerung. Zum anderen sind jetzt Nachholeffekte zu beobachten: Jene Generation, die mit der Erstgeburt lange zugewartet hat, startet die Familiengründung jetzt im Alter von um die 35. Dass die Geburtenrate auf Dauer weiter steigt, kann man daraus nicht ableiten.

 Arbeitgeber spielen Ihrer Meinung nach in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Was können sie tun?

 Arbeitgeber können insbesondere die Arbeitszeitordnung familienfreundlicher gestalten. Wir haben in Österreich europaweit überlange Arbeitszeiten, vor allem für Männer. Bei den Frauen sind sie hingegen generell gesehen relativ niedriger. Das verstärkt Ungleichheiten innerhalb des Paares und damit Beziehungsfrust. Insofern ist das Arbeitszeitthema tatsächlich ein Schlüsselpunkt für ein gelingendes Familienleben.

Auf der anderen Seite ist der hohe Flexibilitätsbedarf in den heutigen Unternehmen keineswegs mit den familiären Erfordernissen vereinbar. Mehr Flexibilität, die gleichzeitig eine höhere Familienfreundlichkeit bedeuten würde, ist nur dann erreichbar, wenn Arbeitgeber mehr Einzelpersonen beschäftigen würden, statt den wenigen Angestellten unzumutbar lange Arbeitszeiten aufzubürden.

 Das hört sich so an, als müssten Unternehmen Abstriche machen. Sie halten Familienfreundlichkeit aber sogar für ein kaufmännisches Gebot – inwiefern?

 Ich sehe es tatsächlich anders. Wir haben in Österreich eine geradezu absurd hohe Zahl an Überstunden, die ja um mindestens 50 Prozent höher zu entlohnen sind als Normalstunden. Sie führen zudem zu relativ hohen Fehlzeiten, bedingt durch wachsende Krankenstände und Überlastungen. Von daher halte ich es daher auch für kaufmännisch falsch, wenn man die Arbeitszeit unter den derzeitigen Bedingungen womöglich noch ausweiten oder verschärfen will.

Ist denn eine gleichrangige Beteiligung von Frauen und Männern an der Erwerbs- und Familienarbeit überhaupt möglich? Wer sorgt dann für die Kinder?

 Wenn beide Elternteile gleiche und etwas niedrigere Arbeitszeiten als heute die Männer haben, haben auch beide die Chance, sich um die Kinder zu kümmern. Eine weitere Voraussetzung ist natürlich, dass für die Dauer der Arbeitszeit ausreichend Kinderbetreuungseinrichtungen zur Verfügung stehen.

Das heißt Männer sollten künftig verstärkt Teilzeitbeschäftigungen nachgehen?

 Als Teilzeit gilt jede Arbeit, die unter der Normalarbeitszeit liegt, also alles unter 40 Wochenstunden. In Befragungen wünschen sich Männer und Frauen Arbeitszeiten von etwa 35 Stunden in der Woche. Überlange Arbeitszeiten, wie wir sie in Österreich vor allem bei den Männern sehen, wünschen sich die Menschen nicht.

Ist die Gesellschaft schon so weit, Vätern und Müttern jeweils den gleichen Anteil an der Erwerbs- und Familienarbeit zu überlassen?

 Zweifellos ist hier ein gesellschaftlicher Wandel notwendig. In den Köpfen sind vor allem junge Leute heute bereit, solche Modelle auch zu suchen und Arbeitgeber entsprechend auszuwählen. Hier ist tatsächlich ein Umdenken auf Seiten der Unternehmen gefragt.

Es gibt neuerdings Modelle und Angebote für Jobsharing – auch auf Führungsebene, wie Expertin Mag.a Manuela Vollmann vom Verein abz*austria auf der Personal Austria 2016 ausführen wird. Ist das zielführend aus Ihrer Sicht?

Das hängt von dem jeweiligen Unternehmen ab. Dass auch gut gehende Unternehmen Führungsfunktionen teilen, habe ich schon vor über 30 Jahren gesehen, als ich kurz bei IBM gearbeitet habe. Ein Appell an die Autonomie der Arbeitnehmer, die Arbeitsleistung kooperativ mit anderen zu gestalten, ist zweifellos sinnvoll; nicht für alle Arbeitsplätze kommt so etwas allerdings in Betracht.

Wir erleben derzeit ohnehin einen rasanten Umbruch in der Arbeitswelt. Sehen Sie hier eine Chance, das Thema Familienfreundlichkeit voranzubringen, oder ist alles derart in Bewegung, dass dieser Aspekt momentan eher nachrangig erscheint?

 Das hängt davon ab, ob die Verantwortlichen für die Personalarbeit in den Unternehmen erkennen, unter welchen Voraussetzungen sie nachhaltig gute Mitarbeiter an sich binden können. Ein wesentlicher Bestandteil von gutem Employer Branding ist Familienfreundlichkeit – so lange diese allerdings nur auf den Lippen eingelöst wird, schlägt das gegen die Unternehmen aus. Wenn sich Unternehmen allerdings tatsächlich familienfreundlich verhalten, gewinnen sie typischerweise loyale, hochproduktive und effizient arbeitende Mitarbeiter.

 Auf den Punkt gebracht: Wann ist ein Unternehmen familienfreundlich?

Ein Unternehmen ist dann familienfreundlich, wenn es jene Gesichtspunkte in Hinblick auf Familie, die seine eigenen Mitarbeiter wünschen, größtmöglich einlöst. Das hängt von der Region, von der jeweiligen Branchensituation und von der Mitarbeiterstruktur ab – es gibt hier kein Patentrezept, sondern nur einen Königsweg. Jedes Unternehmen muss die Mitarbeiter dort abholen, wo sie stehen, und in ihrem Sinn versuchen, familienfreundlich zu sein.

Es muss also beispielsweise nicht jedes Unternehmen einen Kindergarten betreiben?

 Im Gegenteil. Die Menschen wünschen sich in aller Regel Betreuung von Kindern im familiären Wohnumfeld. Betriebskindergärten sind nicht flächig die Methode der Wahl und im Regelfall nur für Großunternehmen interessant. Ein Kleinunternehmen sollte zum Beispiel eher daran denken, lokale Bürgermeister beim Bau oder Betrieb von Kinderbetreuungseinrichtungen zu unterstützen oder Sponsoring dafür zu betreiben.

Sie selbst haben drei Kinder – das gilt heute fast schon als Großfamilie. Wenn Sie jetzt ein junger Durchstarter wären, würden Sie wieder eine fünfköpfige Familie gründen?

 Meine Frau und ich haben unsere Kinder schon relativ früh zum Beginn der Erwerbsbiographie bekommen. Meinem Gefühl nach ist es in dieser Phase leichter möglich, Vereinbarkeitsprobleme zu lösen. Gleichzeitig hatte ich einen sehr verständnisvollen Chef an der Universität und damit die Möglichkeit, mir die Zeit besser einzuteilen als es bei klassischer Fließbandarbeit beispielsweise möglich wäre. Ich weiß mich insofern tatsächlich in einer privilegierten Situation und würde vielen Menschen wünschen, ähnlich flexible Unternehmensstrukturen vorzufinden, damit sie ihre Familienwünsche realisieren können.

Das Interview führte Petra Jauch

 

— Veranstaltungstipp —

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal
Paarlauf oder Hindernisparcour – Familienfreundlichkeit als Chance für Unternehmen
Personal Austria, Messe Wien, Halle 1, Stage I
Mittwoch, 09. November, 11.30 bis 12.15 Uhr

Über Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Mazal
Wolfgang Mazal, geboren 1959 in Wien, ist Universitätsprofessor für Arbeits-und Sozialrecht an der Universität Wien und Leiter des Instituts für Familienforschung. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und der Promotion 1981 folgten das Gerichtsjahr und Assistenzstellen an den Instituten für Kirchenrecht sowie Arbeits- und Sozialrecht der Universität Wien. Nach der Habilitation wurde er 1992 zum Universitätsprofessor an der rechtswissenschaftlichen Fakultät ernannt. Seit 2004 ist Mazal auch Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF).

 

 

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