Eine Frau der ersten Stunde: Selma Prodanovic, Business Creator

Foto: Georg Schnellnberger

Im Gespräch mit Selma Prodanovic, Gründerin und CEO der Brainswork Group

Sie ist eine Frau der ersten Stunde: Selma Prodanovic hat ein Auge und ein Händchen dafür, neue Geschäftsideen einzuschätzen und auf den Weg zu bringen. „Ich bin ein klassischer Business-Creator“, sagt die Pionierin, die inzwischen mehr als 400 Start-ups begleitet und gefördert hat. Für die Geschäftsfrau und Business-Angelina steht fest: Die Zukunft gehört kleinen Unternehmen, die mit gut ausgebauten Netzwerkstrukturen punkten. Mehr dazu erfahren die Besucher der Personal Austria in ihrem Keynote-Vortrag „Die Zukunft der Arbeit – Unternehmen ohne Angestellte“. Was sie antreibt und warum sie den rasanten Veränderungen in der Arbeitswelt mit Tatkraft begegnet, erklärt Selma Prodanovic in folgendem Interview.

Frau Prodanovic, Start-ups, Business Angels, Entrepreneurship, New Work – diese Begriffe und Trends prägen heute das Geschehen. Sie selbst haben sich schon viel früher damit befasst, zählen mit ihrer 2005 gegründeten Firma Brainswork zu den Vorreitern. Inwiefern ist das ihre Welt?

Das ist die Welt, in der ich lebe, die ich auch teilweise mitgestaltet oder miterschaffen habe – auf jeden Fall die Start-up-Szene in Österreich. Als Mitgründerin der Austrian Angel Investors Association habe ich auch die Business Angel-Szene auf den Weg gebracht. Im European Business Angel Network bin ich ebenfalls im Board of Directors. Ich betreibe das also nicht nur in meinem eigenen Unternehmen, sondern engagiere mich auf mehreren Ebenen und über Ländergrenzen hinweg, um eine breite Wirkung zu erzielen.

Was treibt Sie dabei an? Ist das schon in Ihrer Vita angelegt – Sie sind ja viel in der Welt herumgekommen?

Es hat sicher etwas damit zu tun. Doch erst nach 15 Jahren Berufserfahrung hat sich für mich herauskristallisiert, dass ich eigentlich schon immer Business Development betrieben habe, New Business Development. Denn wo auch immer ich gearbeitet habe – in einer Werbeagentur oder bei einer Filmproduktion – ich war stets von Anfang an dabei, habe etwas aufgebaut und mir dann das nächste Projekt vorgeknöpft.

Ich bin kein Business Manager, sondern ein klassischer Business Creator: Sobald mein Baby selbstständig laufen kann, wende ich mich einem neuen Projekt zu. Diese Rolle des Business Creators gab es früher so noch nicht, weil sich die Arbeitswelt nicht derart schnell verändert hat. Heutzutage ist das Teil unseres Lebens. Um Unternehmen für die Ewigkeit aufzustellen und zu managen, geht es darum, durch kontinuierliche Neugründungen mit der rasanten Entwicklung Schritt zu halten.

Können Sie denn leichten Herzens Ihre Babys loslassen?

Bei manchen Projekten habe ich mich damit schwer getan. Es gab auch welche, wo ich nicht wirklich erfolgreich gewesen bin, milde ausgedrückt. Und andere, wo es sehr gut funktioniert hat, weil die Teams dahinter sehr gut aufgestellt waren. Das ist einfach eine Erfahrungssache: Je mehr man sich selbst und seine eigenen Stärken kennt, desto besser weiß man auch, wen man an seiner Seite braucht, um ein Projekt erfolgreich zu gestalten.

Ich habe wirklich ein Faible für diese Zusammenstellungen. Diese grüne Wiese inspiriert mich – insbesondere wenn nur wenige oder begrenzte Ressourcen zur Verfügung stehen. Es reizt mich ganz einfach, aus dem vorhandenen Potenzial irgendetwas zu machen. Das ist für mich in etwa so wie ein weißes Blatt Papier für einen Schriftsteller.

Mir kam gerade spontan die Auswahl und Zusammenstellung der Zutaten beim Kochen in den Sinn.

Ja, genau. Irgendwann, wenn dann alles soweit steht und sich eine gewisse Routine eingestellt hat, ist es nicht mehr so interessant für mich. Ich könnte natürlich auch das Management übernehmen – ich manage ja mein eigenes Unternehmen und habe das auch schon mit anderen gemacht – aber dann kämen meine individuellen Fähigkeiten nicht mehr ideal zum Tragen.

Sie könnten in der gleichen Zeit vielen anderen auf die Sprünge helfen.

Genau. Darauf habe ich mich mit der Zeit immer stärker konzentriert. Ein bisschen Management ist natürlich auch immer dabei, das lässt sich nicht ganz vermeiden. Aber den Großteil meiner Zeit verbringe ich mit Dingen, die mich wirklich interessieren und in denen ich besonders gut bin.

Wie erkennen Sie, dass eine Geschäftsidee Potenzial hat?

Da stecken einfach viel Erfahrung und viel Zeit dahinter. Ich habe über 400 Start-ups gecoacht, tausende Business-Pläne gesehen, in etlichen Jurys gesessen und insgesamt mehr als 30 Millionen an Investment und Fördergeldern ermöglicht.

Grundsätzlich sollte man solche Entscheidungen nur in Branchen treffen, die einem vertraut sind. Ich könnte zum Beispiel nicht gut einschätzen, ob ein Start-up im Pharma-Bereich wirklich gut ist, da ich mich einfach zu wenig in der Branche auskenne. Ich kann zwar beurteilen, ob es sich grundsätzlich um ein solides Geschäft handelt, aber nicht, ob es ein wirklich notwendiges, innovatives investment-ready Start-up ist.

In welchen Branchen sind Sie zuhause?

Also die Pharmabranche oder Medizin sind nicht so meins. Aber bei allem, was mit der Digitalisierung zusammenhängt – und das ist ja heutzutage ein sehr weites Feld – kann ich inzwischen sehr gut einschätzen, was Potenzial hat. Mich interessiert, wenn tatsächliche Probleme gelöst werden, also insbesondere Social Business und Green Technologies. Ich bin aber auch offen für spannende Entwicklungen in anderen Bereichen. Mit 1millionstartups wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, notwendige Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen.

Nicht jeder kreative Mensch ist ein Unternehmertyp. Was müssen Firmengründer unbedingt mitbringen?

Das muss man definitiv auch unterscheiden. Zwischen 2005 und 2007 war ich ja Präsidentin der Kreativwirtschaft Austria hier in Wien. Das ist eine Plattform, die sich mit den Creative Industries beschäftigt. In dieser Zeit habe ich deutlich gesehen, wie groß der Unterschied zwischen Kreativen und Unternehmern ist. Genau wie bei Wissenschaftlern: Sie kennen sich in ihrem Fachgebiet aus, haben aber keine Ahnung vom Biz, verstehen einfach zu wenig davon, wie man ein Geschäft aufbaut. Deshalb bin ich ja genau hier eingestiegen.

Trotzdem – auch die Kreativen müssen begreifen, dass sie vom Markt leben und dazu bereit sein, bestimmte Fähigkeiten zu erwerben. Nicht unbedingt klassische Business-Fähigkeiten: Ein Gründer muss nicht unbedingt einen Business-Plan schreiben können. Er muss aber die Zahlen verstehen, muss wissen, worum es geht. Und er muss genügend Ausdauer mitbringen, um Tiefschläge und Durststrecken zu überstehen. Irgendwas passiert ja immer.

Es sind ohnehin sehr viele Soft Skills gefragt, die über das rein unternehmerische Können hinausgehen – eine Kombination von Mensch und Fach, sagen wir es so. Wenn ich mit Start-ups arbeite, unterstütze ich sie deshalb zum einen im Business-Bereich, zum anderen aber auch auf der Persönlichkeitsebene. Es ist sehr wichtig, dass sie sich auch auf dieser Ebene entwickeln.

Wer sich selbstständig macht, muss nicht allein auf sich gestellt sein. Ist es günstig, zusammen im Team zu gründen?

Absolut. Natürlich kann jeder für sich selbst ein Unternehmen gründen, aber normalerweise investiert man in gut aufgestellte Teams. Eine einzelne Person kann einfach nicht alle Bereiche abdecken, so dass die Rollen am besten aufgeteilt werden – meistens tun sich ein Techniker und ein Geschäftsmann oder ein Verkäufer und ein Kreativer zusammen. Das sind Kombinationen, die sich gut ergänzen. Sehr gut funktioniert auch ein Trio.

In einem früheren Interview haben Sie prophezeit: „Die Zukunft gehört den Kleinen“. Sind Sie weiterhin dieser Auffassung?

Davon bin ich weiterhin fest überzeugt. Auch mein Unternehmen basiert ja auf einer Netzwerkstruktur. Das heißt, Ich habe nie geplant, viele Mitarbeiter zu beschäftigen, sondern arbeite jeweils mit so vielen unterschiedlichen Menschen oder Unternehmen im Netzwerk zusammen, wie es gerade sinnvoll ist. Und das sehen wir immer mehr da draußen. Auch Start-ups verbinden sich miteinander, ebenso große Unternehmen mit kleinen Unternehmen.

Wir sehen, wie kleine Unternehmen klein bleiben, aber sich mit anderen vernetzen, um Großes zu bewirken. Zu einem bestimmten Zeitpunkt hatten wir 132 Partner. Wir konnten also bedarfsweise auf 700 Menschen zugreifen!

Eine Großorganisation, im Prinzip…

Aber diese Organisation existiert nicht, sondern bildet sich nur ad hoc, bei Bedarf. Auf diese Weise sparen wir Kosten, sind flexibel, schneller und besser, weil wir wirklich nur die Leute holen, die wir brauchen. Wir sind schlanker in der Struktur, entscheiden schneller – das sind viele, viele Vorteile. Natürlich, die Infrastruktur von großen Unternehmen, hat man nicht in so einem Format. Aber die Schnelligkeit des Wandels heutzutage zwingt uns, flexibler zu sein. Wir sehen das ja auch an der Entwicklung: Große Unternehmen fusionieren entweder mit anderen, um eine Monopolstellung zu erreichen, oder sie entlassen viele Mitarbeiter, um schlanker und agiler zu werden.

Aber es gibt auch die Kehrseite der Medaille – Stichwort Crowdworking: Wenn Großunternehmen für wenig Geld die besten Ideen abschöpfen, fällt für den Erfinder kaum etwas ab.

Das ist eine Marktentwicklung, mit der wir noch nicht so lange konfrontiert sind. Sagen wir so: Alle Kleinen, die neu sind auf dem Markt, freuen sich wahnsinnig, wenn sie für ein großes Unternehmen etwas entwickeln dürfen. Selbst wenn es gratis ist – weil es einfach darum geht, Erfahrungen und Referenzen zu sammeln. Aber irgendwann kommen sie darauf, dass es nicht immer so weitergehen kann. Sie müssen das also revidieren und anders machen. Die nächste Generation weiß schon, dass es so nicht funktioniert. Das sind die Lessons Learned, die besagen, wir müssen mit dieser Marktentwicklung anders umgehen.

Dennoch, die Kraft der Kleinen wird immer stärker. Bis jetzt haben wir nur die großen Unternehmen wahrgenommen, aber jetzt können auch kleine Unternehmen mit Netzwerkstruktur auftrumpfen. Das ist der Unterschied. Ich sage nicht, es wird keine Großunternehmen mehr geben – aber es wird ein Gegenpol da sein. Wenn wir weiterkommen wollen, benötigen wir in jedem Fall eine aufeinander abgestimmte Entwicklung.

Das erfordert neue Rahmenbedingungen. Sehen Sie hier die Politik in der Pflicht?

Das größte Problem ist, dass die Politik nicht so schnell agieren kann, wie sich die Situation auf dem Markt wandelt. Selbst wenn Politiker willig sind, geht das nicht so einfach, weil in den Systemen eine relative Trägheit steckt. Die Veränderungen auf dem Markt erfolgen aber so schnell, dass kaum jemand hinterherkommt. Wenn man bedenkt, was seit der Erfindung des Smartphones alles schon passiert ist…

Es ist extrem schwierig, damit umzugehen. Wir werden neue Bedingungen schaffen müssen mit alternativen oder komplementären Strukturen. Aber die Politik wird sicherlich etwas hinterherhinken. Vor wenigen Tagen hatte ich ein Interview mit politischen Vertretern und Stakeholdern hier in Österreich. Dieses Gespräch hätten wir eigentlich schon vor drei Jahren führen müssen. Wir sind spät dran; was heute verlangt wird, ist eigentlich schon wieder passé.

Die Digitalisierung ist überall ein Entwicklungstreiber. In Deutschland gibt es die Diskussion um die Industrie 4.0. beziehungsweise Arbeiten 4.0. In der Schweiz hat man jetzt über das bedingungslose Grundeinkommen abgestimmt. Ist das auch ein Thema für Österreich?

Ja, immer wieder in Gesprächen. Aber ich glaube, es ist – wie wir ja auch in der Schweiz gesehen haben – noch zu früh für diesen Gedanken. Es ist zudem nicht ganz klar, wer was darunter versteht und was das dann genau bedeutet. Die Flüchtlingskrise hat hier gerade leider zusätzliche Ängste geschürt. Wer weiß, vielleicht wäre die Abstimmung anders ausgegangen, wenn sie schon vor zwei Jahren erfolgt wäre. Da spielen einfach verschiedene Entwicklungen mit hinein.

Ihr Keynote-Vortrag auf der Personal Austria ist überschrieben mit „Die Zukunft der Arbeit – Unternehmen ohne Angestellte“. Gibt es künftig keine festen Arbeitsplätze mehr?

Ich vertrete die These, dass es grundsätzlich weniger typische Angestelltenverhältnisse geben wird. Wir brauchen mehr Flexibilität und werden sie auch bekommen: Durch eine Vielzahl an Arbeitsmodellen, die zu verschiedenen Bedürfnislagen passen.

Was heißt das für Personalisten? Müssen sie damit rechnen, dass ihnen die Arbeit ausgeht?

Nein, ich glaube, ihre Arbeit wird eher komplizierter. Auch ihre Rolle wird ganz eine andere sein: Personalabteilungen werden eine stärkere Position innehaben, weil sie alles überblicken  und miteinander kombinieren müssen. Es gibt ja dann nicht nur klassische Angestellte oder einen Kollektivvertrag mit allgemeinverbindlichen Regelungen, sondern vielleicht 25 wählbare Varianten. Mitarbeiter kommen und gehen, die Fluktuation wird viel größer sein. Ich glaube, Personalisten werden nicht weniger, sondern viel mehr zu tun haben, zusätzlich auch im Coaching-Bereich, weil das Miteinander ansonsten nicht mehr funktionieren kann.

Sie sind ganz unbestritten eine Kennerin der Start-up-Szene. Gibt es auch interessante Neugründungen im HR-Bereich?

Ja, klar. Die Geschäftsidee eines Start-ups beruht zum Beispiel darauf, dass neue Leistungsträger am besten per Empfehlung durch die eigenen Mitarbeiter zu finden sind. Das Start-up liefert dazu eine Web-Applikation, die diese Empfehlungspraxis fördert und erleichtert.

Die Personal Austria betreibt 2016 erstmals eine eigene Start-up-Area für Neugründungen auf dem HR-Markt. Hier können Jungunternehmer zu günstigen Konditionen auf sich aufmerksam machen – Vortrag inklusive.

Das klingt gut, das sage ich gerne weiter.

Ihre Leidenschaft ist das Netzwerken. Verbinden Sie das auch mit dem Messebesuch?

Natürlich. Aus zwei Gründen: Erstens geht es darum, andere Menschen kennenzulernen. Doch netzwerken ist weit mehr als andere zu treffen und Visitenkarten auszutauschen. Es geht darum, neugierig zu sein und von anderen lernen zu wollen, ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen. Das macht den Messebesuch wertvoll. Und natürlich, um durch all die Vorträge und Präsentationen den State oft the Art an einem Ort in zwei Tagen kennenzulernen. Das ist der schnellste Weg, um qualitativ hochwertige Informationen zu bekommen.

Die rasante Entwicklung mit all ihren Umbrüchen macht vielen Menschen Angst. Sie hingegen wirken unerschrocken und zupackend. Wie kommt das?

Mir macht die Entwicklung keine Angst, weil ich Veränderungen grundsätzlich als Chance begreife. Und zweitens: Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Und da sie nun mal stattfindet, möchte ich sie lieber mitgestalten. Wenn ich abwarte, was passiert, bin ich völlig machtlos. Aber wenn ich mich einbringe und etwas bewege, habe ich einen anderen Zugang dazu – trotz möglicher Bedenken.

Interview: Petra Jauch

— Veranstaltungstipp —

Keynote-Vortrag von Selma Prodanovic
Die Zukunft der Arbeit – Unternehmen ohne Angestellte
Personal Austria, Messe Wien, Halle 1, Stage I
Donnerstag, 10. November 2016, 10.30 Uhr bis 11.15 Uhr

Über Selma Prodanovic
Selma Prodanovic, Beraterin für Geschäftsentwicklung und Start-ups, Unternehmerin, Ausbilderin und Investorin entdeckt, entwickelt und vernetzt unternehmerisches Potenzial. Die Pionierin ist Initiatorin von 1millionstartups, Gründerin und CEO von Brainswork, Vorsitzende von IncrediblEurope und Initiatorin der jährlichen „Brainswork Make a Difference”-Awards. Ihre innovative Unternehmensphilosophie und ihr Bekenntnis zu Unternehmertum und sozialem Engagement wurden mehrfach ausgezeichnet.

Selma Prodanovic wurde in Sarajevo, Bosnien–Herzegowina, geboren, wuchs in Europa und Afrika auf und wurde in vier unterschiedlichen Schulsystemen ausgebildet. Sie studierte an der Universität Sarajevo, der Saint Louis University in Madrid und an der Wirtschaftsuniversität Wien. Seit 1991 lebt sie in Wien. Sie ist verheiratet und Mutter zwei Kinder.

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