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Foto: Welf Schröter auf der PERSONAL2016 Süd (Fotograf: Jack Tillmanns)

Im Gespräch mit Welf Schröter

Was bedeutet eigentlich Arbeiten 4.0? Irgendetwas mit Industrie 4.0, Clouds und Crowds, Algorithmen und Robotern – oder? Kaum jemand kann das Thema eindrücklicher erklären als Welf Schröter, Mitbegründer und Leiter des Forums Soziale Technikgestaltung und Moderator des Blogs Zukunft der Arbeit. Das hat er mit seinem Keynote-Vortrag auf der PERSONAL2016 Süd einmal mehr bewiesen. Wir haben im Interview mit dem Geschäftsführer des Talheimer Verlages und Partner im Projekt „Prävention 4.0“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) einmal nachgehakt, worum es in der aktuellen Arbeiten-4.0-Debatte eigentlich geht (Falls Sie seinen Vortrag in Stuttgart verpasst haben, können Sie diesen in diesem Beitrag nachhören).

Herr Schröter, viele Personalverantwortliche können sich unter Arbeiten 4.0 noch nicht wirklich etwas vorstellen oder denken, das betrifft sie nicht. Was ist aus Ihrer Sicht das wirklich Neue daran?

Meine Vorträge zu dem Thema eröffne ich manchmal mit: „Herzlich Willkommen zum 20. Geburtstag der Digitalisierung!“ Denn wir haben es hier mit einem Prozess zu tun, der schon seit mindestens zwei Jahrzehnten läuft. Wir erleben in vielen Unternehmen, Betrieben, bei Dienstleistern und in der Verwaltung eine nachholende Digitalisierung: Es werden Dinge umgesetzt, die technisch schon lange auf dem Markt sind, aber bisher nicht zur Kenntnis genommen wurden. Klassisches Beispiel: Wenn ein großes Unternehmen eine Betriebsvereinbarung zu mobilem Arbeiten schließt. Denn die erste Betriebsvereinbarung zu mobilem Arbeiten stammt aus dem Jahr 1996 – nur hieß das damals noch Telearbeit. Dass wir nun mit Mobilgeräten arbeiten und vieles nachholen, ist alles richtig und wichtig. Aber viele Organisationen glauben, dass diese nachholende Digitalisierung bereits 4.0 ist – und das richtet eine ziemliche Verwirrung an.

Nehmen wir doch mal das Beispiel mobiles Arbeiten: Was wäre dann daran nicht nur Telearbeit, sondern 4.0?

Mobiles Arbeiten aus der Tradition der alternierenden Telearbeit der 90er Jahre ist eine Vorstufe. Das ist ja nichts anderes als ein Organisationsmodell: Das, was ich an einem stationären betrieblichen Arbeitsplatz mache, erledige ich beim mobilen Arbeiten einfach an einem anderen Ort mit einer höheren Zeitsouveränität. Ich arbeite aber noch immer mit denselben Programmen, Displays und Oberflächen. Eine neue Qualität entsteht erst, wenn die menschliche Arbeit, der händisch-haptische Arbeitsprozess, durch einen autonom gestalteten virtuellen Prozess ergänzt wird – und zwar nicht im Sinne einer Kopie, sondern einer komplementären Vorgehensweise. Arbeiten 4.0 beginnt dort, wo im virtuellen Raum autonome, elektronische Werkzeuge tätig werden. Neu ist, dass ich auf diese Systeme manche Arbeitsprozesse delegieren kann. Sie nehmen mir dann einen Teil meiner Arbeit ab und steuern sie rechtsverbindlich in meinem Namen.

Könnten Sie mal ein beispielhaftes Einsatzszenario nennen?

Bei der Fertigung von Möbeln, Gegenständen oder Maschinen werden einzelnen Bauteile an verschiedenen Standorten hergestellt und montiert. In der Vergangenheit wurden sie „just in time“ zum Montageort hingebracht. Die Steuerung erfolgte durch einen Menschen, unterstützt durch eine Software. Arbeiten 4.0 heißt hingegen, ich kann im Moment der Herstellung der einzelnen Bauteile – egal ob daraus eine Kaffeemaschine, ein Fahrzeug oder ein Rasenmäher wird – entsprechend intelligente Sensorchips anbinden, sogenannte CPS-Lösungen. Diese Sensorchips haben die Eigenschaft, dass sie alles beinhalten – von den Daten des Auftraggebers, der parallelen Bauteile, die in das Gerät hineinmüssen, über die Kundendaten bis hin zu den Informationen zum Montageprozess, also zum Beispiel dem Montageort und dem Weg, wie die Bauteile dahin kommen. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass diese Steuerung nicht mehr durch einen Menschen geschieht. Wir haben einen Wechsel in der Handlungsträgerschaft hin zum autonomen System.

Die Bauteile sondieren also selbst untereinander, wo sie hinmüssen?

Genau, das ist dann nicht mehr Aufgabe eines Menschen. Das läuft als autonomer selbstgesteuerter Prozess. Diese Bauteile melden dann auch, wenn es zu Verzögerungen kommt und es am Montageort Probleme in der Organisation geben wird, wenn ein bestimmtes Bauteil nicht zur richtigen Uhrzeit da ist. Die Disposition, das Zeitmanagement, die Arbeitsabläufe, die Verfügbarkeit von Menschen in der Montage – all dies wird durch CPS-Impulse beeinflusst oder gar gesteuert.

Inwiefern verliert der Mensch damit die Entscheidungshoheit und wird zum Assistenten der Technik?

Das ist im Augenblick der zentrale Dreh- und Angelpunkt der Diskussion. Sollen sich dem Kundenwunsch und dem Geschäftsprozess alle anderen Prozesse im Betrieb unterordnen? Dafür kann man plausible Argumente anführen. Die Alternative ist, dass wir Arbeiten 4.0 zwar fördern, aber gleichzeitig die Selbstbestimmung des Menschen nicht verringern, sondern stabil halten. Das heißt, wir müssen einen Gestaltungsdialog zwischen Geschäftsleitung, Betriebsräten und Technik führen – und das ist nicht trivial. Es geht darum, wie man selbstbestimmtes Arbeiten mit Hilfe autonomer Systemen ermöglichen kann.

Die Digitalisierung bietet viele Flexibilisierungs- und somit Selbstbestimmungsmöglichkeiten im Sinne von Work-Life-Balance. Bei der Arbeit selbst scheint man somit jedoch unter Umständen an Selbstbestimmung zu verlieren…

Das ist eine Frage der Technikgestaltung. Technik ist nie neutral, sondern bildet immer Interessen ab. In jeder Realisierung von Technik muss man über diese Interessen reden und sie offenlegen. Wenn das Entscheidende die Produktivität und die Schnelligkeit der Auslieferung ist, wird das keine nachhaltige Lösung sein. Man muss deshalb auch die Stabilität des arbeitenden Menschen bedenken. Wir brauchen die Nachhaltigkeit des Humanen in der Arbeit. Wenn das nicht gelingt, explodieren uns die Burnout-Fälle und die Zahl der Leute, die innerlich gekündigt haben. Arbeit 4.0 kann nur gelingen, wenn sie gleichzeitig eine motivierende Funktion hat.

Was könnte Ihrer Ansicht nach motivierend sein in der Zusammenarbeit mit autonomen Systemen?

Wir brauchen eine Re-Personalisierung der Arbeitsprozesse. Das heißt, Beschäftigte müssen die Möglichkeit haben, Geschwindigkeiten von Abläufen zu beeinflussen. Denn wir sind nie zu jeder Stunde gleich wach und handlungsfähig. Am Montagmorgen ist man vielleicht etwas langsamer als am Dienstagnachmittag. Beschäftigte müssen ihre persönlichen Anforderungen an autonome Prozesse artikulieren können. Das hat etwas mit Geschwindigkeit, Verständlichkeit, Nachvollziehbarkeit, Rückholbarkeit und Fehlertoleranz zu tun. Diese Begriffe, die aus der Technikfolgenforschung der 80er Jahre stammen, müssen wir heute wieder anwenden und aktualisieren.

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Mehr zum Thema „Arbeiten 4.0“ gibt es auf der diesjährigen Zukunft Personal mit dem Motto „Arbeiten 4.0 – The Employee Experience“ (Foto: Franz Pfluegl)

Inwiefern betrifft das alles nur die Produktion oder auch ganz andere Bereiche?

Die industriellen Erfahrungen, die wir gerade auf Seiten der Produktion und der Fertigung im Hinblick auf Industrie 4.0 sammeln, sind die technischen Infrastrukturen, Muster und „Trampelpfade“, die bald in völlig andere Bereiche hinüberkopiert werden können – zum Beispiel ins Gesundheitswesen, in die Kliniken, die Kassen und die entsprechenden Prozessketten im medizinischen Sektor. Dies geschieht zwar durchaus im Sinne einer Optimierung der Patientenversorgung. Aber wenn wir uns nicht mit den oben beschriebenen Fragen auseinandersetzen, kann das die Handlungsautonomie der Arbeitnehmer im Gesundheitssystem – der Krankenschwestern, Ärzte, Helfer oder Fahrer – deutlich einschränken.

Wir sind also im Moment an einem Punkt der Weichenstellung zur Zukunft von Arbeit?

Ja, wir sind in einer Pilotsituation. Das was im Augenblick in bestimmten Industriebetrieben und Zulieferketten ausprobiert wird, ist nichts, was nur für diese Branche oder nur für dieses Gewerbe gilt. Diese Pilotierung verändert die Arbeit und Arbeitsinhalte grundsätzlich, stellt sie in Frage und entwickelt sie weiter. Das ist eine Kontinentalverschiebung in der Arbeitswelt. Es geht nicht bloß um ein paar kleine ergonomische Veränderungen in Unternehmen oder den Upgrade von irgendeiner Software. Es geht tatsächlich um die Neuerfindung von Arbeit. Das hat damit zu tun, dass das Wechselverhältnis von Materie und Virtualität, von Gegenstand und autonomen Systemen im Netz, die Arbeitsinhalte und Arbeitsbegriffe gravierend verändern.

Leben, um zu arbeiten? Arbeiten, um zu leben? Was heißt dann eigentlich Arbeiten für uns?

Wir stehen vor einer Spaltung der Arbeitsbegriffs. Es gibt eine Gruppe von Beschäftigten, die neue Möglichkeiten bekommen, Themen zu setzen, aktiv und kreativ zu sein oder Zeitsouveränität auszuprobieren. Diese Menschen finden eine große inhaltliche Erfüllung, sind aber ständig überlastet. Die andere Gruppe setzt sich vermutlich aus denjenigen zusammen, die aufgrund ihrer Ausbildung, Vorbildung oder sozialen Herkunft den Sprung in solche qualifizierten Kernteams nicht schaffen.

Wir werden es mit neuen Zugangsbarrieren zu tun haben, möglicherweise mit neuen Typen sozialer Spaltung – und zwar entlang des Themas Komplexität. Die drastische Zunahme von Abstraktion durch autonome Systeme birgt die Gefahr, dass Menschen immer weniger verstehen, was hinter den Touchscreens und Displays tatsächlich passiert. In dem Augenblick, in dem ich dies nicht mal mehr der Spur nach durchschaue, werde ich mich irgendwann nicht mehr mit diesem Arbeitsprozess identifizieren. Deswegen brauchen wir mehr Komplexitätskompetenz.

Wie verändert sich dabei die Vorstellung vom Arbeitgeber als Betrieb oder Ort der Arbeit?

Wir werden eine Statusänderung des Betriebs erleben. Das hat damit zu tun, dass rein technisch immer mehr Arbeit aus dem Betrieb ausgelagert werden kann – nicht nur durch mobiles Arbeiten, sondern vor allem über Crowdworking-Plattformen und ihre Clickworker. Diese Beschäftigten sind juristisch nicht Teil des Unternehmens und des Sozialversicherungssystems nach dem bisherigen Modell. Wenn Betriebe einen relativen Bedeutungsverlust erleben, müssen wir das in irgendeiner Weise gesellschaftspolitisch kompensieren. Die spannende Frage ist: Wie gelingt es beim Crowdworking soziale Standards zu verankern, damit wir nicht wieder 100 Jahre zurückfallen?

Welche Rolle spielen Personaler und Personalverantwortliche aus Ihrer Sicht beim Arbeiten 4.0?

Personaler haben möglicherweise ein ähnliches Hemmnis wie mancher Betriebsrat oder Handwerker: Sie müssen sich diesen neuen Erfahrungen erst einmal öffnen. Es ist nicht immer einfach, sich von irgendwelchen Experten auf Veranstaltungen sagen zu lassen, welche neuen Möglichkeiten es gibt und dann direkt zu sagen, „Hurra, jetzt mache ich das!“. Die Öffnung für Neues ist ein schwieriger psychologischer Vorgang. Man muss sich die Frage stellen, was das Neue an Vorteilen bringen kann.

Auf dieser Basis sollten sich Personalverantwortliche das Thema Schlüsselqualifikationen wieder neu anschauen. Wir werden in den kommenden Jahren nicht nur Komplexitätskompetenz, sondern auch eine andere Form von Kommunikationskompetenz brauchen. Menschen müssen mit autonomen technischen Systemen interagieren und verstehen, welche Art von Wissen ihnen da geliefert wird. Die Anforderungen an die Sozialkompetenz steigen, denn 4.0 bedeutet eine weitgehende Veränderung der Arbeitsorganisation und der Arbeitsprozesse. Veränderung ist immer eine Infragestellung und löst Verängstigung und Befürchtungen aus. Das heißt, ich muss den Menschen die Sicherheit vermitteln können, dass sie zum Ergebnis des Umbaus gehören und nicht unterwegs verloren gehen. Die Personaler wären eigentlich ideale Akteure, diese weichen Gestaltungsfaktoren zu ermöglichen und zu garantieren. Aber dazu müssen sie sich sehr proaktiv in die jetzige Debatte hineinbegeben.

Interview: Stefanie Hornung


Über Welf Schröter
Welf Schröter begleitet als Initiator, Mitbegründer und Leiter des Forums Soziale Technikgestaltung (seit 1991) Betriebs- und Personalräte, Handwerk und Mittelstand, Kommunen und Verbände beim Thema „Arbeiten 4.0“. Er moderiert dafür unter anderem den Blog Zukunft der Arbeit. In der Vergangenheit hat er sich bereits in vielen verschiedenen Funktionen einen Namen als Technikexperte gemacht, zum Beispiel als langjähriges Mitglied im Arbeitskreis Technologiepolitik des DGB-Bundesvorstandes oder als Mitglied des E-CommerceBeirates (1997/98) und der Taskforce „Electronic Mobility – Mobile Arbeitswelten und soziale Gestaltung“ (2004-2005) für das Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi). Welf Schröter ist Autor zahlreicher Aufsätze und Herausgeber mehrerer Bücher wie etwa „MAP – Multimedia-Arbeitsplatz der Zukunft“, „Gestaltete Virtualität“ und „Identität in der Virtualität“.  Darüber hinaus ist Welf Schröter Geschäftsführer des unabhängigen Sachbuchverlags „Talheimer“ und Partner im BMBF-Projekt www.praevention40.de.

Hören Sie seinen Vortrag auf der PERSONAL2016 Süd in Stuttgart am 11. Mai 2016 hier nach:

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