Philip Gienandt zu digitalen Bildungsangeboten

Foto: Philip Gienandt

Die Ankunft von Geflüchteten stellt sowohl eine große Chance als auch eine Herausforderung für Deutschland dar. Das Land benötigt Zuwanderung, weil in vielen Branchen Fachkräfte fehlen. Doch zwischen der Ankunft in einer Notunterkunft und der Integration in den Arbeitsmarkt liegt ein weiter Weg. Nachdem die ersten Nöte der Menschen gelindert wurden, stellt sich also die Frage, wie sie schnellstmöglich und nachhaltig in unsere Gesellschaft integriert werden können. Schätzungsweise 30 Prozent der Geflüchteten sind jünger als 18 Jahre und 50 Prozent sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, also im besten erwerbsfähigen Alter: Sie benötigen eine schulische und/oder berufliche Ausbildung, sie wollen in den Arbeitsmarkt aufgenommen werden. Hierzu sind zuallererst fundierte Kenntnisse der deutschen Sprache notwendig.

Grenzen und Schwächen des analogen Bildungssystems

Bei der Aufnahme von Hundertausenden werden jetzt die Grenzen und Schwächen des analogen Bildungssystems sichtbar. Kurzfristig kann nicht jedem Geflüchteten ein Platz in einem Deutsch- und Integrationskurs angeboten werden. Die Wartezeiten betragen mehrere Monate – mit der Gefahr, dass die Motivation sinkt. Die Anzahl an Lehrkräften reicht nicht aus, um den großen Bedarf zu decken. Die angebotenen Kurse sind überfüllt und der Unterricht damit oft ineffektiv. Darüber hinaus ist die Schülerschaft sehr heterogen in Bezug auf Vorkenntnisse, Muttersprache, Bildungsbiografie und Alter. Der Sprachunterricht müsste stärker individualisiert und bedarfsgerechter gestaltet werden. Damit wird das analoge Bildungssystem – bei allem Respekt – überfordert.

Man könnte der „Krise“ aber auch etwas Gutes abgewinnen: Not macht erfinderisch und kann Erneuerung anstoßen.

Einsatzmöglichkeiten und Vorteile digitaler Sprachtrainings

Digitale Lehr- und Lernangebote können hier einen wichtigen Beitrag leisten, Flüchtlinge zu unterrichten und zu qualifizieren. Geflüchtete könnten deutlich früher mit Deutschkursen erreicht werden. Kapazitätsmäßig ist E-Learning klar im Vorteil – es ist unbegrenzt nutzbar und daher skalierbar. Durch die Unabhängigkeit von Ort und Zeit ergeben sich neue Einsatzmöglichkeiten. Gerade auch bei längeren Wartezeiten in Ämtern oder bei ständigem Ortswechsel.

Moderne Onlinekurse bieten deutlich mehr Personalisierung als analoger Sprachunterricht. Insbesondere langsam und schnell Lernende profitieren von digitalen Selbstlernkursen: Sie können das Lerntempo selbst bestimmen. Ihr individueller Lernfortschritt wird nach Lektionen und Kompetenzen dokumentiert – das persönliche Profil macht Stärken und Schwächen transparent und ermöglicht so einen effizienten Einsatz der zur Verfügung stehenden Ressourcen Zeit und Aufmerksamkeit.

Genügend Angebote gibt es bereits: So wurde die Sprachlernplattform LinguaTV.com – sowohl online als auch mit mobilen Endgeräten nutzbar – speziell für die Zielgruppe der Geflüchteten angepasst. Die 15 Deutschkurse für alle Niveaustufen (A1 bis C1 gemäß GER) sowie spezielle Lektionen für „Deutsch im Beruf“ haben sich bereits vor dem Sommer 2015 bei einer Vielzahl von ausländischen Fachkräften und Studierenden bewährt. Nun werden sie von über 30.000 Geflüchteten genutzt. Wesentliche Bestandteile der Deutschkurse sind szenische Videos und interaktive Übungen, die sich der Kursteilnehmer mittels mehrsprachiger Untertitel, Glossar, Online-Wörterbuch sowie vielen Lernhilfen und Zusatzmaterialien in der Muttersprache (z.B. auf Arabisch, Englisch, Französisch) selbst erschließen kann. Die Videos zeigen private und berufliche Alltagssituationen (wie Begrüßung, beim Arzt, im Restaurant, bei der Behörde) und vermitteln so viel mehr als nur Sprache; z.B. auch spezielle Fähigkeiten und für den Beruf wichtige Kompetenzen wie Telefonieren, Bewerben, etc. Lernende lernen so vor allem praxisrelevante Inhalte und können sich flexibel und gezielt auf Situationen vorbereiten. Hinzu kommen Einblicke in die Lebensweise, typische Verhaltensweisen, Landeskunde und Kultur in Deutschland.

Gesteigerte Lernerfolge durch Blended Learning

Onlinekurse sind mehr als eine wertvolle Ergänzung zum Präsenzunterricht. Durch eine konsequente Verzahnung von Präsenzunterricht und Selbstlernphase werden die Vorteile beider Lernformen genutzt, was zu einem besseren und nachhaltigeren Lernergebnis führt. Der Einsatz multimedialer Inhalte im Präsenzunterricht, kombiniert mit darauf abgestimmten, interaktiven Selbstlernphasen steigert sowohl Lernmotivation als auch Lernerfolg. Das Prinzip ist erprobt: Viele Unternehmen und Universitäten praktizieren ein solches „Blended Learning“ bereits mit großem Erfolg. Lehrende erhalten von LinguaTV zahlreiche Unterstützung in Form von Schulungen und Handreichungen zur erfolgreichen Umsetzung von „Blended Learning & Teaching“.

Digitale Lerninhalte leisten einen wichtigen Beitrag zur effizienten Aus- und Weiterbildung von MigrantInnen, um die Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu unterstützen und zu beschleunigen. Deutschunterricht für Geflüchtete ist nur eines von vielen positiven Anwendungsbeispielen digitaler Bildung.


 

Über den Autor

Foto: Philip Gienandt

Philip Gienandt kennt die Flüchtlingsthematik aus mehreren Perspektiven. Als Arbeitgeber beschäftigt er seit Jahren Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, darunter auch Geflüchtete. Als Geschäftsführer der Sprachlernplattform LinguaTV befasst er sich mit dem Deutschunterricht für Geflüchtete – insbesondere mit digitalen Lerninhalten. Aus diesen Blickwinkeln berichtet er auf der PERSONAL2016 Süd in der Integration-Area von seinen Erfahrungen, dass Sprachkenntnisse der erste Schritt für eine erfolgreiche Integration sind (Mittwoch, 11. Mai 2016, 13 bis 13:30 Uhr).

 

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