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Foto: Sascha Poddey, Music4friends

Man stelle sich vor: Azubis übernehmen für einen Monat das Ruder im eigenen Betrieb und machen die Arbeit der Geschäftsführung. Klingt verrückt, ist aber so passiert: bei Music4friends, einer Künstleragentur in Wuppertal. Wie können davon die Auszubildenden, die Teams und nicht zuletzt die Chefs profitieren? Nadine Nobile vom Podcast co:culture hat mit den Beteiligten im Unternehmen gesprochen. Nachdem sie im Teil 1 dieser kleinen Beitragsserie die Azubis Danielle und Michelle, die Chefinnen auf Zeit (Azubis mal anders: Chefin für einen Monat), vor dem Mikrofon hatte, folgt jetzt das Halbzeit-Gespräch mit dem pausierenden Geschäftsführer Sascha Poddey und mit Ausbilderin Jasmin Katke.

Der Film AUGENHÖHE, das Buch „Reinventing Organizations“ und die Idee, dass alte Hierarchien nicht mehr in die heutige Zeit passen – das waren für die Geschäftsführer von Music4friends Auslöser für dieses Experiment. „Weil es unser Ziel ist möglichst eigenständige, selbstbewusste Menschen in der Ausbildung zu fördern, war das der nächste Gedanke – dieses: ‚Lauf in meinen Schuhen und schau, was Du so entdeckst an Dir‘“, berichtet Sascha Poddey. Schon in der Vorbereitungsphase, als es darum ging, für die beiden angehenden Azubi-Chefinnen das Aufgabenfeld transparent zu machen, war die Frage im Raum: Wie wollen wir führen? „Die beiden haben sich überlegt, wollen wir einen kooperativen Führungsstil oder ganz klare Ansagen?“ Sie mussten sich damit auseinandersetzen, wie sie eigentlich Entscheidungen treffen möchten.

Neue Führung: Andere Meinungen zulassen

„Für uns alle ist das erst noch ein Hineinfinden“, gibt Jasmin Katke zu. Vor allem die Haltung, sich nicht zu sehr einzumischen und die Chefinnen auf Zeit wirklich entscheiden zu lassen, fand sie gewöhnungsbedürftig. Aber mittlerweile funktioniere das gut. Die Azubis müssen in ihrer neuen Funktion Ziele vorgeben und genau sagen, welche Ergebnisse die Mitarbeiter in ihrer Arbeitszeit erreichen sollen. Wer das Teamfrühstück anregt, muss auch wissen, dass in der Zeit keiner telefoniert oder Aufträge abschließt. Dafür wächst das Team vielleicht besser zusammen. „Die größte Überraschung ist, wie gut sie das machen und dass sie in der zweiten Woche schon so viel schultern. Man merkt, dass sie sehr viel Energie reinstecken“, so die Ausbilderin.

„Was ich spannend fand an uns, am ‚Seniorteam‘, ist die Enthaltsamkeit“, gesteht der Geschäftsführer. „Das Zurücknehmen ist eine ‚Egofrage‘. Es geht darum, auch einmal eine andere Meinung und einen anderen Weg zuzulassen, der vielleicht nicht Dein eigener gewesen wäre.“ Daran könnten alle mitwachsen und dies fördere eine neue Idee von Führung – weg von einer Position hin zu einer Aufgabe, die jeder leisten kann. Das sei nicht nur ein entspannendes Gefühl, dass man mal länger ausfallen könne und der Betrieb trotzdem weiterlaufe, sondern führe auch dazu, die beiden Auszubildenden noch ernster zu nehmen, mehr Fragen zu stellen und ihre Meinungen noch mehr zu hören. „Das bewirkt mehr Augenhöhe in Gesprächen.“

Von der Versuchung, die Handbremse zu ziehen

Es kann jedoch durchaus vorkommen, dass die Azubi-Chefinnen ihren bisherigen Vorgesetzten mal vor den Kopf stoßen. Schon am ersten Tag verweigerten sie ihm den gewünschten DIN-A-3-Drucker, weil dieser nicht so oft gebraucht wird und der Copyshop um die Ecke günstiger kommt. Auch die neue Kernarbeitszeit von 10 bis 16 Uhr haben sie dem Chef „reingedrückt“. „Ich komme normal eher um 12 und bleibe dann bis spät in den Abend. Da murre ich als Mitarbeiter und mach das aber dann“, sagt Sascha Poddey lachend. Spannend findet er, die Entscheidungsfindung der beiden zu beobachten. „Wir haben uns zum Beispiel darüber unterhalten, ob wir für dieses Jahr noch eine neue Auszubildende suchen.“ Zunächst hätten die beiden eine Aushilfe präferiert, dann aber darüber nachgedacht, ob sie nicht lieber jemandem eine langfristige Perspektive bieten möchten – und sich umentschieden. „Manchmal entscheiden sie anders als der Rat war, das finde ich aber super.“

Die Reaktionen aus dem Umfeld von Sascha Poddey und Jasmin Katke waren gemischt – von Begeisterung bis zu offener Skepsis. „Es gab auch die Frage: ‚Was ist denn, wenn die etwas entscheiden, was Euch so richtig in Schieflage bringt?“ Sascha hat sich fest vorgenommen, „nicht an die Handbremse zu gehen“. Die Versuchung entsteht bisher nicht, da alle ständig im Austausch sind und über die Entscheidungen reden. „Auch als Mitarbeiter sind wir ja nicht blöd geworden.“

„Liebe Chefs, geht mal nach Hause!“

Sascha Poddey rät auch anderen Unternehmen, einen solchen Rollentausch einmal auszuprobieren, wenn sie „kräftige und umschauende“ Mitarbeiter fördern möchten. Jasmin Katke schließt sich an, vorausgesetzt die Mitarbeiter stehen wirklich dahinter – denn sie müssen das Ganze mittragen. Bisher sind ihre Erfahrung sehr positiv. „Es ist noch mehr gegenseitiges Vertrauen entstanden“, resümiert sie.

Spannend wird es allerdings, wenn das Experiment dann tatsächlich vorbei ist. Was wäre, wenn die beiden Auszubildenden, die Chefinnen auf Zeit, dann die Geschäftsführung gar nicht mehr abgeben wollen? Teil 3 dieser Podcast-Serie folgt…


 

Um ähnliche Fragen von Führung geht es auch beim Praxispanel co:culture der PERSONAL2016 Süd in Stuttgart: Mit Markus Stelzmann, Regisseur bei TELE Haase Steuergeräte, Alexander Herr, Psychologe und Gruppenpsychotherapeut im sysTelios Gesundheistzentrum Siedelsbrunn, Oliver Groß, Leitungsfunktion bei Sonett – und Sven Franke von AUGENHÖHEworks als Moderator (Mittwoch, 11. Mai 2016, PERSONAL2016 Süd, Messe Stuttgart, Halle 4, Forum 1, 11 bis 12 Uhr).

 

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