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Silicon-Valley-Spirit: Was taugt davon für die deutsche Praxis?

Lässig in Jeans, T-Shirt oder Hoodie, mehr Männer als Frauen, keine Krawatten in Sicht. Neben Garagen schicke Büros mit Erlebniswelten als tägliche Arbeitsumgebung. Institut neben Institut, etwa 1700 an der Zahl: Die Rede ist vom Stanford Campus und dem Silicon Valley – Inbegriffe für Unternehmertum und Gründergeist. Doch warum ist dieses Ökosystem so unglaublich kreativ und erfolgreich? Diese Frage haben sich schon viele gestellt, die meisten aus der Ferne. Ende Februar 2016 machten sich hingegen einige Personaler, Innovationsmanager, MBA-Studenten und Journalisten gemeinsam auf eine Reise, die Stephan Grabmeier von Haufe-umantis mitinitiiert hatte.

Man stelle sich vor, nur Frühling und Sommer. Immer ist es so warm, dass man sich draußen zum Grillen treffen kann. Es gibt keine schwülen Tage und keine Mücken. Kalifornien, Silicon Valley. Kein Wunder also, das man sich hier etwas lockerer anzieht und auch die Denke völlig anders ist. Gründermentalität, der Glaube, dass alles möglich ist, Fehlerkultur – alles gang und gäbe. Doch wie lässt sich das auf deutsche Unternehmen übertragen? Ein Besuch könnte Klarheit verschaffen, ob das möglich und überhaupt wünschenswert ist.

Silicon_Valley_Reisegruppe

Foto: Grabmeier

Im Land, wo Ideen und Innovationen fließen

Die Idee für die Reise kam dem „Chief Innovation Evangelist“ Stephan Grabmeier im Austausch mit Prof. Dr. Sabine Remdisch von der Leuphana Universität Lüneburg, die sich mit dem Thema Innovation beschäftigt und im zweiten Jahr eine Gastprofessur in Stanford hat. Von Anfang an war klar, es sollte keine typische Tourismus-Reise ins Silicon Valley werden, sondern eine Innovationstour, deren Erfahrungen in die wissenschaftliche Arbeit von Prof. Remdisch einfließen und die den Blick der Teilnehmer für neue Umsetzungsmöglichkeiten in der Praxis öffnet.

„Es ist ein Unterschied, nur über das Silicon Valley zu reden und es erlebt zu haben“, schwärmt Stephan Grabmeier. „Wir waren in unterschiedlichen Media und Interactive Labs am Stanford Campus, zum Beispiel bei der d.school, also am Ursprung des Design Thinking. Auf der Besuchsliste standen in Stanford und Palo Alto unter anderem Rank Xerox, Benning Innovation Lab, das Hana Haus, Beam und IDEO, die beste Innovationsagentur, die aus der d.school entstanden ist.“ Ein Merkmal springe dabei deutlich ins Auge. „Das Valley ist ein sehr kompaktes, homogenes System.“ Wer einmal dort angekommen sei, wechsele vielleicht von Google zu PayPal oder Dropbox. Aber nur sehr selten verlasse jemand das Netzwerk ganz.

 

Grabmeier_rund

„Chief Innovation Evangelist“ Stephan Grabmeier: 

„Nicht innovative Unternehmen werden vom Markt verschwinden, das hat schon Joseph A. Schumpter gesagt. Und das passiert heute schneller denn je. Schiere Größe und frühere Erfolge der Traditionskonzerne sind schon lange keine Erfolgsgaranten mehr.“

 

Ökosystem als Inner Circle

„Vorbildliches Verhalten ist ganz wichtig, weil man es sich nicht leisten kann, aus der Community hinauszufliegen. Alle verhalten sich immer fair und geben anderen Tipps“, hat Franz Langecker, Chefredakteur im Datakontext Verlag und einer der Reiseteilnehmer, beobachtet. Die persönliche Begegnung habe eine enorme Bedeutung. Das betreffe nicht nur die Arbeitsräume, sondern auch die Freizeit. „Da feiert man mit seinem Team zusammen. Es kommt vor, dass Unternehmen mit den ganzen Kollegen und ihren Familien an den Strand fahren, wenn sie ein bestimmtes Ziel erreicht haben – auf Firmenkosten, versteht sich“, erzählt Langecker.

„Die Leute kommunizieren hier mehr miteinander und Unternehmensgrenzen sind fluider. Das Silicon Valley hat schon lang keine geistigen Wände mehr“, berichtet der Journalist. Aaron Au, Gründer von SuccessFactors, den Langecker in Kalifornien traf, beteilige sich beispielsweise an vielen Unternehmen – auch bei Konkurrenten. Er habe Spaß an deren Erfolg und versuche die Probleme der einen mit den Ansätzen von anderen zu lösen. „Wenn jemand einen Marketingspezialisten, Entwickler oder Rechtsanwalt braucht, kennt er die besten. Das schnelle Zusammenführen von Kompetenzen funktioniert und vernetztes Denken wird hier wirklich gelebt“, folgert Langecker. Das bestätigt auch Stephan Grabmeier und verweist auf die enorme Kundenzentriertheit: „Während es in Deutschland meist um das Produkt geht, das aus einer reinen Innensicht eins Unternehmens entwickelt wird, denken hier alle, was für ein Problem hat ein User und wie können wir es lösen. Nur eines zählt, nichts anderes: Was ist das Problem meiner Kunden!“

Think Big and fail fast

Eine Welt mit zehnfachen Dimensionen – ganz nach dem Motto „Think Big“ – zieht sich laut Grabmeier wie ein roter Faden durch das Valley. „Denke das Größte, was Du Dir vorstellen kannst und dann multipliziere es mit zehn. Die haben ein absolutes Weltveränderungssyndrom“, berichtet der Innovationsexperte. „Die Leute im Silicon Valley machen Dinge, weil sie die Welt aus den Angeln heben wollen. Ihre Visionen sind gigantisch.“ „Ten X“ werde zum Leitmotiv.

„Die größere Gefahr besteht nicht darin, dass wir uns zu hohe Ziele setzen und sie nicht erreichen, sondern darin, dass wir uns zu niedrige Ziele setzen und sie erreichen.“
Michelangelo

Die Amerikaner halten es laut Franz Langecker wie Michelangelo: Nur mit dem ganz großen Plan lasse sich etwas erreichen. „Die Deutschen sagen angesichts solcher Größe oft gleich, das kannst Du vergessen – und kippen dann ins Negative. Weil wir nicht das ganz große Ding schaffen wollen, schaffen wir es auch nicht und geben uns mit Kleinigkeiten zufrieden“, so Langecker.

Folge dem Gewinner

Ein weiteres Merkmal, das der Kundengruppe von Haufe-umantis immer wieder begegnet, ist der Fehlerkultur-Spirit: „Wenn Unternehmen Jobinterviews führen, fragen sie immer: Was war Dein größter Fehler und was hast Du daraus gelernt?“, so Grabmeier. Jemand der die Frage nicht beantworten könne, passe nicht ins Unternehmen und noch weniger ins Valley. „Failure is a badge of honor“, so der Leitspruch. „Jeder weiß, wenn Du einmal einen Fehler gemacht hast, machst Du ihn kein zweites Mal mehr. Es gibt auch genügend Beispiele, dass Leute große Unternehmen verlassen haben und wieder zurückzukehren, wenn sie scheitern. Das ist völlig normal, gibt Sicherheit und macht Scheitern leichter“, so Grabmeier.

Langecker

Franz Langecker, Chefredakteur im Datakontext Verlag:

„Die junge Generation ist durch die Digitalisierung schon mächtig geprägt. Man ist viel mehr vernetzt und es gibt nicht mehr die großen Unterschiede zwischen Chef und Mitarbeiter.“

 

Gut zu beobachten ist der Umgang mit Scheitern für die Besucher aus Deutschland bei Google, das seinem Garagenmythos noch in gewisser Weise treu zu bleiben versucht. Das Innovationslabor sieht, wie soll es anders sein, aus wie eine Werkstatt, überall liegen Gegenstände herum – Sägen, Stangen, Kleber. Dr. Frederik G. Pferdt, Innovationsmanager bei Google, erläutert den Besuchern seine Philosophie anhand eines Spiels: Jeder aus der Besucher soll gegen jeden „Schere, Stein, Papier“ spielen – und der Verlierer folgt jeweils dem Gewinner. Am Ende folgen demnach alle einem Gewinner. „Das ganze Geheimnis ist, wenn jemand verliert, macht er sich keine Gedanken darum, weil er ja dem Gewinner folgt und dadurch immer mitgewinnt. Das nimmt die Angst davor zu verlieren – man muss sich gar nicht mehr damit beschäftigen“, folgert Franz Langecker.

Innovationsdruck kommt auch in Deutschland an…

Co-working, Co-operation, Co-marketing, Co-laboration – das waren die Schlüsselerlebnisse für den Chefredakteur Langenecker. „Das sehe ich zunehmend auch hier. Die junge Generation ist durch die Digitalisierung schon mächtig geprägt. Man ist viel mehr vernetzt und es gibt nicht mehr die großen Unterschiede zwischen Chef und Mitarbeiter.“ Gleichwohl gelte es noch mehr Wände einzureißen und die allzu große Angst vor dem Scheitern zu nehmen.

Silicon_Valley_Google

Foto: Grabmeier

 

Auch für Stephan Grabmeier wird es für uns ohne stärkeren Innovationsgeist nicht gehen. Der Druck im Valley sei möglicherweise noch etwas größer. Wenn man bei Facebook aufs Gelände fahre, prange dort ein großes Schild mit dem Firmennamen. Vorher war Sun Microsystems in dem Gebäude. Mark Zuckerberg habe das alte Schild einfach umgedreht und auf der Rückseite den alten Firmennamen belassen. „Das soll ein Mahnmal für alle Facebook-Mitarbeiter sein: Wenn wir nicht ständig so innovativ wie möglich sind, wird es uns so ergehen wie Sun Microsystems, das 2009 an Oracle verkauft wurde und vom Markt verschwand“, erklärt der Chief Innovation Evangelist von Haufe-umantis.

Den großen Investoren in Silicon Valley gehe es heute oft nicht mehr darum, neue Technologien oder Apps zu entwickeln. Sie wollten ganze Industrien zerstören und dann übernehmen. In Deutschland seien viele Unternehmen schon lange sehr erfolgreich, saturiert und bewegten großes Kapitel. Manche Branchen lebten von ihrer hohen Fachexpertise. Doch wird das zukünftig ausreichen, um an den globalen Märkten zu bestehen? Ganz klar: „Nein“, meint Grabmeier. „Nicht innovative Unternehmen werden vom Markt verschwinden, das hat schon Joseph A. Schumpter gesagt. Und das passiert heute schneller denn je. Schiere Größe und frühere Erfolge der Traditionskonzerne sind schon lange keine Erfolgsgaranten mehr.“

Veranstaltungstipps

Wie Betriebe eine neue Kultur entwickeln können, führt Stephan Grabmeier auf der PERSONAL2016 Nord in einem Keynote-Vortrag aus: „Demokratisch.Digital.Agil – wie Unternehmen der nächsten Generation Personalarbeit gestalten“ (Dienstag, 10. Mai, 17.20 Uhr). Treffen Sie auch Franz Langecker auf der süddeutschen Personal-Plattform: Am HR-RoundTable spricht er zum Thema „New Management: Was können wir vom Silicon Valley lernen?“ (Dienstag, 10. Mai, 15.55 – 16.20 Uhr).

 

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2 Comments

  1. Was hoffentlich nicht für die deutsche Praxis taugt ist übrigens die eklatante Homogenität, die leider nur im Nebensatz im Artikel erwähnt wird. Silicon Valley ist weiß, männlich und kommt vorwiegend aus dem IT- oder Marketing- bzw. BWL-Bereich. Sprich, die Lösungen, die dort entstehen, kommen aus genau einer einzigen Ecke einer ansonsten sehr vielfältigen Gesellschaft und sind daher ähnlich einseitig in Fokus und Nutzbarkeit.
    So sehr man Silicon Valley loben kann und mag, diese Blase hat ein großes Problem damit, Dinge vielfältiger zu betrachten.

  2. Spitzen Artikel!
    Vor allem auch das umgedrehte Facebook-Schild und die Gewinner-Logik von Google.

    Von der Silicon Valley Mentalität und auch dem Ecosystem dort lässt sich sehr, sehr viel lernen. Denn die Einstellung macht den Innovationserfolg aus, Stichwort Innovationskultur. Daran müssen wir als Innovationsmanager am meisten arbeiten (bzw. kämpfen).
    Man muss aber auch berücksichtigen, dass es sich dort um die IT-Branche handelt und die funktioniert eben nur sehr schnell. Ohne kontinuierliche Innovation hat man sofort verloren. Aber vielleicht macht genau das den Unterschied aus!

    Auf http://www.inknowaction.com schreiben wir gerade auch über das Thema Silicon Valley Mindset und Innovationskultur. Es gibt viel Potential …

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