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„So können wir das demografische Problem mit Flüchtlingen lösen“

Brenner_onlineIm Gespräch mit Katrin Brenner, Leiterin des Ressorts Generationen und Bildung der Stadt Iserlohn

Die Stadt Iserlohn hat rund 100 1-Euro-Jobs für Flüchtlinge geschaffen. Das Besondere dabei: Die Stadt kombiniert die Arbeitseinsätze mit Deutschunterricht und Gesellschaftslehre und vermittelt die Neuankömmlinge im Anschluss an passende Arbeitgeber weiter. Die Stadt Iserlohn wählt die Flüchtlinge in Kooperation mit dem Berufsbildungswerk auf Basis einer umfassenden Potenzialanalyse aus und begleitet sie über zwei Jahre. Wir sprachen mit Sozialdezernentin Katrin Brenner über ihre bisherigen Erfahrungen.


Frau Brenner, wie kam es dazu, dass Sie 1-Euro-Jobs für Flüchtlinge geschaffen haben?

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hatte vor einigen Jahren bei uns mehrere Arbeitsgelegenheiten angefordert und wir haben Plätze für 280 solcher Arbeitsgelegenheiten geschaffen. Als die BA diese für Langzeitarbeitslose immer mehr zurückgefahren hat, haben wir beschlossen, einfach Flüchtlinge mit aufzunehmen. Wir möchten diesen Menschen so früh wie möglich eine Beschäftigung, eine Tagesstruktur und vor allem auch eine Möglichkeit geben, in einem beruflichen Kontext Deutsch zu lernen.

Was sind das für Jobs, die die Flüchtlinge machen?

Wir haben großen Wert darauf gelegt, dass wir die Parameter gemeinnützig und zusätzlich anwenden, um die politische Akzeptanz zu bekommen. Wir sind im Landschafts- und Gartenbau, im Bereich Anstrich und Maurerarbeiten, Stadtbildpflege und neuerdings auch Renovierung von Wohnungen, Umzugsarbeiten und Aufarbeiten von Möbeln tätig. Durch den Strom der Flüchtlinge haben sich auch neue Tätigkeitsfelder ergeben – im Bereich von Asylbewerbern für Asylbewerber.

Welchen Status müssen die Flüchtlinge haben, um das Angebot wahrzunehmen?

Das ist sehr niederschwellig: Eine Arbeitserlaubnis ist nicht erforderlich. Die Flüchtlinge müssen nur die Bereitschaft mitbringen zu arbeiten – und zwar acht Stunden am Tag. Davon sind nur vier Stunden tatsächlicher Einsatz in den 1-Euro-Jobs, zwei Stunden Deutsch lernen und zwei Stunden Gesellschaftslehre. Ganz wichtig ist uns immer, dass wir in Interviews und Potenzialanalysen schnell herausfinden, was die Flüchtlinge in ihrer Heimat gemacht haben und auf welche Tätigkeiten sie Lust haben.

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Foto: mit Vertretern des Lionsclub, der das Mittagessen im Berufsbildungszentrum sponsort

Was motiviert die Flüchtlinge, sich für 1-Euro-Jobs zu melden?

Jeder Mensch kann etwas und ist bereit, etwas zu geben. Das Angebot ist auf rein freiwilliger Basis und entsprechend hoch ist auch die Motivation. Die Flüchtlinge rennen uns die Bude ein! Wir könnten locker 200 bis 300 Stellen bestücken. Die meisten möchten natürlich erst einmal aus der Unterkunft und aus dem Tages-Einerlei heraus. Doch dann geht es ganz schnell auch darum, zu zeigen, was man kann und welche Fähigkeiten man hat. Und diese jungen Menschen kommen teilweise mit Fähigkeiten, die wir unseren Kindern absprechen.

Zum Beispiel?

Die Flüchtlinge haben teilweise nicht viel besessen und mussten sich aus dem, was sie gefunden haben, Spielzeug oder andere Gerätschaften bauen – eine Seifenkiste zum Beispiel, was bei uns ja als antiquiert gilt. Die älteren Anleiter aus dem Berufsbildungszentrum sind total begeistert, auf was für Ideen diese Menschen kommen. Das ist wirklich eine Bereicherung.

Und noch etwas zum Thema Motivation: Die Flüchtlinge können verschiedene Qualifikationen in kleinen Teil-Schritten erlernen und erhalten dann zum Beispiel einen Schweißschein, einen Motorsägenschein oder einen Gabelstablerschein. Das sind manchmal die einzigen Dokumente, die sie dann haben.

Wie sieht es mit der Motivation aus, wenn die Flüchtlinge erfahren, dass sie zurückgeschickt werden?

Solche Erfahrungen haben wir natürlich auch schon gemacht. Denn wir nehmen nicht nur die aus nicht sicheren Herkunftsländern, sondern im ersten Schritt einfach jeden. Es kann lange dauern, einen gewissen Aufenthaltsstatus zu bekommen, und wir nehmen in Kauf, dass da natürlich auch Leute dabei sind, die abgeschoben werden. Aber diese Menschen fahren dann nicht dümmer nach Hause. Die nehmen alle was mit und die Kommune hat auch etwas bekommen in der Zeit. Das ist wirklich ein Gewinn auf beiden Seiten. Das merkt auch die Bevölkerung bei uns. Die Leute sehen, die „tun etwas für ihr Geld“.

Welche interkulturellen Herausforderungen entstehen in der Zusammenarbeit mit Flüchtlingen?

Weil wir bei der Auswahl gar nicht auf Sprache oder Herkunft achten, sondern nur auf die Qualifikation und die Fähigkeiten, haben wir natürlich sehr heterogene Gruppen. Zehn bis zwölf Flüchtlinge sind normalerweise in einer Gruppe – mit ebenso vielen Ethnien. Und wir haben bis heute noch keine Auseinandersetzung, Gewalt oder größeren Probleme gehabt! Es gibt natürlich Streitigkeiten, allerdings lernen die Teilnehmer in Gesellschaftslehre ja auch, wie wir in Deutschland leben, wer welche Rechte und Pflichten hat und wie wir miteinander umgehen. Da wird gekocht, getanzt oder eingekauft – auch mit dem Einsatz von Ehrenamtlichen. Außerdem haben wir Sozialpädagogen, die das Projekt begleiten und mögliche Konflikte mit den Leuten besprechen. Es gilt aber auch: Wer nicht funktioniert und mehrmals morgens nicht an der Baustelle oder am Treffpunkt ist, der fliegt raus.

Das kommt aber demnach nicht so häufig vor?

Es kommt natürlich vor, aber durch die Gruppenkonstellation ist natürlich auch die Gruppendynamik relativ hoch. Die passen schon aufeinander auf. Die fordern auch gegenseitig Leistung ein.

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Foto: Besuch vom WDR

Wie gestalten Sie den Übergang in weitere Arbeitsverhältnisse?

Der erfolgt in ganz enger Kooperation mit dem Berufsbildungszentrum. Wer ein halbes bis dreiviertel Jahr in der Maßnahme war, hat oft das Niveau des ersten Lehrjahres erreicht. Das Berufsbildungszentrum macht dann nochmal eine Potenzialanalyse und stellt drei artverwandte verschiedene Berufe vor. Dann geht es in die spezielle Qualifikation für den jeweils ausgesuchten Beruf. Wir haben zum Beispiel Konditoren, Frisöre, Landschaftsbauer, Anstreicher, Maler, Lackierer. Flüchtlinge, die sich da bewähren oder hervortun, vermittelt das Berufsbildungszentrum zu Arbeitgebern. Die Kontakte zu den Arbeitgebern laufen meist über die Handwerkskammern. Die Betriebe haben dann die Möglichkeit, die Menschen kennen zu lernen und als Praktikanten zu nehmen. Wir haben jetzt die ersten 10 bis 15 Flüchtlinge in den 1. Arbeitsmarkt vermittelt. Außerdem haben wir 20 Asylbewerber für den Bundesfreiwilligendienst rekrutiert.

Wie läuft aus Ihrer Sicht die Zusammenarbeit mit den Betrieben?

Ich bin begeistert, wie bereit die Unternehmen sind, auch mal ein Risiko einzugehen. Doch das minimieren wir durch eine gute Betreuung. Wir arbeiten viel mit KMU zusammen und die haben, wenn es hochkommt, einen Personalchef, aber garantiert keinen Sozialarbeiter. Den Teil der Begleitung nehmen wir ab. Einmal die Woche kommt jemand im Betrieb vorbei, mit dem man mögliche Probleme diskutieren kann.

Die Unternehmer sagen uns gegenüber ganz klar: „Wir wollen, dass die beim Kunden den Zettel richtig rum halten und unsere Aufträge verstehen.“ Den Anspruch versuchen wir zu erfüllen, indem wir den Sprachunterricht auf europäischem Niveau machen. Da geht es nicht nur um Einkaufen und Arztbesuch, sondern wir legen viel Wert auf die Berufssprache.

Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, damit Flüchtlinge besser am 1. Arbeitsmarkt Fuß fassen – zum Beispiel in Sachen Politik?

Die Early-Intervention-Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit greifen bisher viel zu kurz. Da machen Flüchtlinge zehn Wochen Powersprachkurs und gehen dann zwei Monate in ein Unternehmen und sollen dann in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Wenn Sie und ich morgen nach Syrien kommen, noch nie etwas mit der Sprache und dem Land zu tun hatten, wie bitteschön soll das dann innerhalb von zehn Wochen funktionieren? Das geht nicht.

Bundesarbeitsministerin Nahles möchte mit dem Integrationsfördergesetz auch 1-Euro-Jobs schaffen…

Ja, aber die Bundesagentur für Arbeit und die Jobcenter sind viel zu weit von den Leuten weg. Das können nur die Kommunen. Wir kennen die Leute aus der Grundsicherung, aus der Ausländerabteilung und aus der Ordnungsabteilung. Wir sitzen quasi mit jedem in einem Boot – vom ersten Tag an. Bis die Flüchtlinge beim Jobcenter oder bei der BA landen, vergehen locker sechs bis neun Monate. Wir setzen viel früher an.

Stellen Sie sich vor, wenn jede Kommune so wie wir 100 bis 200 Leute beschäftigen würde und von 100 jeweils 10 bis 15 den Sprung in den Arbeitsmarkt schaffen: So können wir das demografische Problem mit Flüchtlingen lösen. Zur Not renne ich Frau Nahles die Tür ein. Am 13. April, zur nächsten Plenarsitzung, fahre ich nach Berlin und mache einen Sitzstreik, wenn es sein muss – so lange bis sich endlich jemand mein Projekt anhört. Der geschützte Raum, den Kommunen aufgrund der Nähe bieten können und auch die Akzeptanz in der Bevölkerung – das ist Gold wert.

Das Prinzip des Förderns und Forderns möchte Frau Nahles auch auf ein Asylbewerberleistungsgesetz anwenden. Was halten Sie davon?

Das ist genau das, was wir machen, wir fordern und fördern. Nur wenn man sich bewährt, etwas leistet und sich an die Regeln hält, kommt man in die nächste Stufe, ins Berufsbildungszentrum. Aber dass man den Flüchtlingen mit restriktiven Maßnahmen wie der Streichung von Leistungen droht, wenn sie Sprachkurse oder Arbeitsgelegenheiten verweigern, ist unnötig. Die haben, wie gesagt, eine sehr hohe Motivation.

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Foto: Stadt Iserlohn

Es geht also mehr um den Verteilungskampf und darum, mit dem Gesetz die Ängste der sozial Schwachen aufzufangen?

Ja, klar. Es gibt Leute, die sagen: „Für die Flüchtlinge macht ihr alles möglich. Ich hätte auch gern so eine AGH-Stelle.“ Aber die Bundesagentur für Arbeit hat das selbst veranlasst, weil sie den dritten Arbeitsmarkt verhindern will.

Inwiefern greifen andere Kommunen Ihre Vorgehensweise auf?

Andere Kommunen sind sehr interessiert. Wir sind außerdem mit dem Städtetag und dem Städte- und Gemeindebund in Kontakt. Das Tolle an dem Projekt ist, dass es ganz einfach regional angepasst werden kann. Wir sind bei kleinen und mittelständischen Unternehmen unterwegs, die meistens aus dem Stahlbau und der Automobilindustrie kommen. Wenn man jetzt aber in eine Weinbau- oder holzverarbeitende Region geht, dann muss man die Qualifizierung in der zweiten Stufe nur etwas abwandeln.

Aber die meisten haben ein Problem damit, das zu finanzieren. Die Stadt Iserlohn zahlt rund 200.000 Euro für dieses Projekt. Das ist der Knackpunkt für andere Städte oder Gemeinden. Vor allem für das Berufsbildungszentrum und den Erwerb von Qualifikationen sind Gelder nötig. Da braucht man Anleiter, Betreuer und Lehrer, die für eine hohe Berufsorientierung sorgen. Nur die 1-Euro-Kräfte, das kann jeder. Aber es geht darum, den Leuten eine echte Perspektive zu geben.


—Veranstaltungstipp—

Auf der PERSONAL2016 Süd in Stuttgart berichtet Katrin Brenner, wie sich das Projekt der Stadt Iserlohn weiter entwickelt:
Schnittstelle Kommune: Wie Flüchtlinge im 1. Arbeitsmarkt durchstarten
Dienstag, 10. Mai, 15.15 Uhr

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1 Comment

  1. Dörte Fischer

    18. April 2016 at 12:43

    Sehr guter Ansatz!

    Ich wünsche mir, dass sehr viele Kommunen dieses Modell übernehmen – noch besser, alle Kommunen, die Flüchtlinge aufgenommen haben / noch aufnehmen werden.
    Allerdings nicht „staatlich institutionalisiert“, sondern so, wie die Stadt Iserlohn das auch selbst auf die Beine gestellt hat. Gerade dieses Minimum an Bürokratie ist ein entscheidender Erfolgsfaktor.

    Der Stadt Iserlohn und allen Beteiligten an diesem Projekt wünsche ich weiterhin viel Erfolg!

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