Ein Streitgespräch, das Lust auf mehr weckt
Strahlende Gesichter nach dem HR-Battle

Quelle: Foto Pfluegl/spring Messe Management

Demokratisch geführte Unternehmen – wie realistisch ist das? Sind flache Hierarchien, Selbstbestimmung und kurze Entscheidungswege tatsächlich ein Gebot der Stunde oder nur en vogue, sprich, eine vorübergehende Beschwörung des Zeitgeists? Etwas, womit Start-ups glänzen, was Unternehmen aber tunlichst lassen sollten, sind sie erst den Kinderschuhen entwachsen? Darüber lässt sich trefflich streiten, wie das erste HR-Battle auf der Personal Austria in Wien zeigte.

Wie es sich für ein anständiges Battle gehört, sind die Rollen klar verteilt: Als Fürsprecher der Demokratisierung am Arbeitsplatz steigt Sven Franke in den Ring. Der Mitinitiator des Filmprojekts AUGENHÖHE ist Botschafter für eine neue Unternehmenskultur und somit unterwegs in eigener Mission. Sein Kontrahent Martin Giesswein weiß, wie die Wirtschaft tickt: Er ist seit 15 Jahren in der Digitalbranche als Führungskraft tätig. Ideale Voraussetzungen für ein spannendes Match!

Doch wer hatte nun die besseren Argumente? Keine Firma könne sich heute noch leisten, auf das Potenzial einzelner Mitarbeiter zu verzichten, meint Sven Franke. „Wir haben einen schnellen Markt. Die Zeit, Entscheidungsprozesse rauf und runter laufen zu lassen, gibt es nicht mehr.“ Stattdessen müssten Entschlüsse an der Stelle getroffen werden, wo sie anfielen.

Der Begriff Demokratie sei positiv besetzt, aber in diesem Zusammenhang vollkommen verfehlt, sieht Martin Giesswein ein grundsätzliches Problem. „Wir reden hier über ein System, das aus dem Staatswesen kommt. Das hat nichts mit der Wirtschaft zu tun. Das sind völlig unterschiedliche Welten, die sich nicht vermischen lassen.“

Die Arena für das HR-Battle

Quelle: Foto Pfluegl/spring Messe Management

Auch das Militär habe nichts damit zu tun, kontert Franke – und dennoch hätten Unternehmen militärisch-hierarchische Strukturen eingeführt. Das sei ebenso falsch – und auch nicht effektiver als die Mitbestimmung. In der Systelios Klinik etwa säßen jetzt alle eine halbe bis Dreiviertelstunde zusammen, um gemeinsam Beschlüsse zu fassen. „Das muss mir erst einer beweisen, dass das teurer ist als das übliche Getuschel auf den Gängen.“

„Ich habe hier noch keine Forderung nach Demokratie herausgehört“, entgegnet Giesswein. Das Thema sei vielmehr Transparenz. „Das ist auch gut so! Unternehmen geht es darum, Umsatz zu machen bei möglichst wenig Kosten. Menschen Arbeit zu geben, nicht militärisch, sondern effizient.“ Es sei chic und modern über Mitarbeiterbeteiligung zu reden. „Ich möchte aber nicht, dass Ungelernte über meine Gesundheit entscheiden.“ Statt alle abstimmen zu lassen, müssten Führungskräfte Expertenwissen heranziehen.

Auch die vielbeschworene Gen Y sei weniger nonkonform als behauptet: „Junge Leute wollen keine Effizienz? Das wird so gesagt.“ Tatsächlich zählten nur 40 Prozent zu dem postmodernen Typ der Young Urban Creatives, sprich Yuccies, die in „Bobo-Unternehmen“ schafften. 30 Prozent der jungen Leute seien hingegen adaptiv-pragmatisch und weitere 30 Prozent regulär karriereorientiert. Der postmoderne Teil der Gen Y ließe sich aber auch einbetten. „Natürlich suchen die jungen Leute Sinn. Idealerweise schafft man es, dass sich Unternehmensinteressen und Mitarbeiterinteressen überlappen. Das ist eine Führungsaufgabe zur Optimierung des Unternehmens.“

Es gebe nicht DIE Gen Y, räumt Sven Franke ein. Die junge Generation hätte aber erreicht, dass über Work Life Balance diskutiert werde. Die Gen Z werde hier noch mehr bewirken. „Unternehmen müssen reagieren. Das geht nur in Richtung Demokratie. Ich gebe dir Sinn, aber entscheiden tue ich. Das funktioniert nicht wirklich.“ Führungskräfte demokratisch wählen zu lassen, sei möglich, aber nicht zwingend. Für Haufe-umantis, das vielzitierte Paradebeispiel aus der Schweiz, sei dies die letzte Konsequenz aus vielen kleinen Schritten gewesen. „Das ist nicht der ultimative Weg, auf keinen Fall. Aber Mitarbeiter können sehr gut wählen, von wem sie geführt werden sollen.“

Publikum beim HR-Battle

Quelle: Foto Pfluegl/spring Messe Management

Das Wahlrecht könne auch dazu führen, dass Mitarbeiter Stimmungsmache betrieben und Deals einfädelten, gibt Giesswein zu bedenken. Außerdem wolle längst nicht jeder gewählt werden. „Passives Wahlrecht – nein, danke!“ Spätestens in Krisensituationen seien Mitarbeiterrechte ohnehin nicht mehr gefragt: Dann würden die Zügel angezogen, um die Zielvorgaben zu erreichen.

Wenn zwei sich streiten, freut sich bekanntlich der Dritte – in diesem Fall waren das die Messebesucher der Personal Austria 2015. Gebannt verfolgten sie das erste HR-Battle in Wien. Auch wenn Sven Franke einen deutlichen Sieg davontrug (wie schon auf der Zukunft Personal in Köln gegen einen anderen Mutigen), schlug sich Martin Giesswein wacker. Zum einen hatte Sven Franke schon im Vorhinein die Versammelten auf seiner Seite, wie eine kurze Abfrage ergab, zum anderen mimte Giesswein lediglich den Bedenkenträger.

Innerlich teile er durchaus einige Gedanken seines Gegenspielers, bekannte er abschließend. „Wie kann man als Mensch in der Arbeitswelt zufrieden sein, sich wohlfühlen? Das ist der Nukleus von Sven Franke: den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen.“ Er selbst sehe in der arbeitenden Zivilgesellschaft einen Kontrapunkt zu Großunternehmen. „Konzerne schaffen die Marktentwicklung nicht mehr. Toll, dass das Sven Franke visualisiert!“, lobte er das Engagement seines Gegenspielers.

Die Entwicklung bleibt jedenfalls spannend: Am 1. Freitag im März kommt der neue Film AUGENHÖHEwege heraus, für den Sven Franke auch in Wien drehte. Mit von der Partie ist diesmal sogar eine Bank. „Man sieht, dass es geht – selbst in einem streng regulierten Betrieb!“, triumphiert Franke. Die Sehnsucht nach Demokratie ist offensichtlich groß – wer kann oder will es da schon mit ihm aufnehmen?

Gewonnen hat aber auch das neue Format HR-Battle, das in Köln und Wien in diesem Jahr Premiere feierte. Karin Huber, Ringrichterin in Wien, hatte ihre helle Freude daran: „Das Battle ist supergut aufgegangen. Der Mix aus griffigem Thema, spannenden Experten und der Entertainment-Show-Style sind ein gutes Rezept.“

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on LinkedInShare on Google+Email this to someone