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Foto: Dr. Michael Gebert

Im Gespräch mit Dr. Michael Gebert

Was die einen als digitale Tagelöhnerei verteufeln, preisen die anderen als Quelle der Inspiration und Zukunft der Arbeitswelt. Die Rede ist von Crowdworking – bisweilen auch unter dem Begriff Crowdsourcing geführt. Unternehmen lassen dabei Aufgaben und Projekte von Mitarbeitern bearbeiten, die nicht fest bei ihnen angestellt sind. Über zahlreiche Plattformen können sie somit weltweit das Wissen von Fachleuten einbeziehen. Immer mehr Portale schießen wie Pilze aus dem Boden und erschweren den Durchblick im Crowdworking-Dschungel. Wir sprachen mit Crowdworking-Vordenker Dr. Michael Gebert, Vorstand und Gründungsmitglied des Deutschen Crowdsourcing Verbands, über die noch junge Szene.


Herr Gebert, was ist eigentlich neu an dem Konzept Crowdworking – Freelancer gab es ja schließlich schon immer?

Crowdworking oder Crowdsourcing – beide Begriffe können Sie synonym verwenden – beinhaltet drei Ebenen, die diese Art zu arbeiten einzigartig machen und von Freelancing unterscheiden. Zum einen ist die Crowd zeitlich und räumlich unabhängig. Arbeiten geht hier wirklich 24 mal 7. Zudem zeichnet sich die Crowd durch Heterogenität in Bezug auf Gender, Bildungsgrad, Religion oder Herkunft aus. Hinzu kommt beim Arbeiten in der Crowd ein gemeinsames Ziel. In der Crowd abstrahiere ich von der Person, die etwas tut, und hebe das Projekt in den Mittelpunkt. Das reicht von ganz einfachen Aufgaben, wie einen Text strukturieren, bis hin zu hochkomplexen Tätigkeiten. Da geht es nicht um die Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Unternehmen und Selbständigem. Wer die Aufgabe erledigt, ergibt sich in der Crowd.

Das Ganze wird zudem umrahmt durch Ubiquität, also durch mobile Endgeräte wie Smartphones. Ich kann im Prinzip jederzeit an Projekten mitarbeiten, ohne dass ich feste Arbeitszeiten und Arbeitsstrukturen, im Sinne von Raum und Zeit, haben muss.

Sie sprechen von einem gemeinsamen Ziel. Doch wie ist das zum Beispiel mit dem vielfach kolportierten Clickworker, der sich einfach nebenher ein bisschen was dazu verdienen will oder digital um seinen Lebensunterhalt kämpft?

Da sind wir dann bei der Motivationstheorie, die laut der Wissenschaft drei Ansätze kennt: Crowdworker sind demnach sozial, intrinsisch oder extrinsisch motiviert. Letzteres hieße dann, es geht ihnen, wie sie sagen, nur darum, Geld zu verdienen auch ohne festes Arbeitsverhältnis. Dafür gibt es zum Beispiel Plattformen wie machdudas, die kleine Mikrojobs zwischen Auftraggeber und Auftragsnehmer vermitteln, ohne beiderseits ein Abhängigkeitsverhältnis zu schaffen. Diese Form des Crowdsourcing wird in Deutschland oft als Crowdworking per se verstanden, ist es aber nicht. Was Crowdworking wirklich ausmacht, zeigen Plattformen wie InnoCentive oder Upwork, ehemals Elance-oDesk, wo sehr komplexe Projekte gemeinsam über verschiedene Sprach- und Geografie-Barrieren gemeinsam bewältigt werden. Dahinter steht teilweise nicht nur eine stunden- oder stückbasierte Bezahlung, sondern eine projektbasierte Prämie.

Wie viel verdient denn ein Crowdworker im Durchschnitt?

Der Verdienst ist sehr schwer zu pauschalieren. Es gibt eine Erhebung in Bezug auf Bezahlung nach Umsetzung – das ist auch das, was man dann immer in der Presse liest. Klassisches Beispiel ist der Texter. Feste freie Schreiber kriegen eine Seiten-Fee von 70 bis 100 Euro. Der Crowdworker ist dann noch einmal günstiger und schneller. Wenn Sie das hochrechnen, kommen Sie auf dramatisch schlechte Werte. Dann müsste der Crowdworker nonstop Texte generieren wie eine Maschine und würde am Ende des Monats nach Abzug von Rente und Versicherungen keine 1.500 Euro verdienen.

Wenn die Person aber flexibel arbeitet und sich fortbildet, kann das auch eine höhere Bezahlung zur Folge haben. Dieses Weiter- und Fortbildungskonzept ist bei Portalen wie Upwork schon implementiert. Hinzu kommt die Bezahlung als Erfolgsprämie: Bei InnoCentive wurde zum Beispiel mal ein chemisches Problem ausgeschrieben, das ein 73-jähriger japanischer Chemiker gelöst hat, der schon in Rente ist. Dafür bekam er ein Preisgeld von 1,7 Millionen US-Dollar.

Wir haben herausgefunden, dass die Crowdworker, die primär auf die monetäre Bezahlung schielen, am wenigsten verdienen. Wenn sie ihre Tätigkeit aber als Weiterbildung betrachten, kommt der monetäre Effekt meist automatisch.

In welchem Umfang kommt Crowdworking überhaupt schon zum Einsatz?

Es gibt belastbare Zahlen von 2009 aus einer Studie der Universitäten Cambridge und St. Gallen, die ermittelt haben, welche Honorare ausbezahlt wurden. 2009 belief sich das allein bei den Top-10-Crowdworking-Plattformen in Europa und den USA – Asien wurde da nicht betrachtet – auf kumulierte 780 Millionen US-Dollar. Man prognostiziert, das ist aber keine belastbare Zahl, dass es in 2014 ungefähr knapp unter vier Milliarden waren. Allein bei Upwork haben sich rund 74.000 Crowdworker registriert. Besonders in Branchen, die viel Forschung betreiben, also Pharma, Chemie, Industrie oder Maschinenbau, werden diese Plattformen sehr gut eingesetzt.

Und was motiviert die Unternehmen, Crowdworking zu nutzen?

Nun ja, vor allem die vorher genannten Zahlen machen so manchen Personalchef hellhörig. Das sind schon spannende Dimensionen. Sie können damit auf Know-how-Träger zurückgreifen, die im Zweifelsfall sogar bei der Konkurrenz beschäftigt sind, wenn die Personen nebenbei auf diesen Plattformen arbeiten. Hinzu kommt, dass sie über diesen Weg Zugriff auf seniores Wissen bekommen, von Menschen, die eigentlich schon aus dem Berufsleben ausgestiegen sind.

Viele Personalentscheider wollen das ausprobieren, weil sie im Zuge eines zunehmenden Fachkräftemangels bei festen Mitarbeitern immer mehr an ihre Grenzen stoßen.

Was bremst auf der anderen Seite vielleicht die Euphorie von Unternehmensseite?

Vor allem das Thema Transparenz: Unternehmen müssen zum Beispiel ihre IP und bestimmte Informationen herausgeben, um gemeinsam an Projekten zu arbeiten. Teilweise ist der deutsche Mittelstand aber nicht gerade von Transparenz geprägt. Außerdem fürchten Unternehmen einen Kontrollverlust, wenn die normale Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch den Schwarm ersetzt wird, der als Idee-, Takt- und Trendgeber fungiert und Innovationen voranbringt. Silodenken – nach dem Motto, das ist der Buchhalter, der macht Buchhaltung, das ist der Ingenieur, der erfindet neue Sachen – löst sich auf zugunsten völlig neuer Interpretationen von Arbeitswelten. Das wiederum ist aber sehr angstbesetzt, weil dann Strukturen aufbrechen und die Kompetenzen verschwimmen.

Wer beauftragt Crowdworking in der Regel – Personaler oder gar die Teams selbst?

Im Moment kommen fast alle Maßnahmen rund um Crowdworking als Einzelentscheidungen aus dem mittleren Management. Das ist ein großes Dilemma, denn je nachdem, ob diese Entscheidungen innerhalb der Abteilungen funktionieren oder nicht, kommt es zu einem Turbulance Risk. Das bedeutet, dass es interne Differenzen gibt, die dann entweder einen Aufstieg oder Fall von Crowdworking-Maßnahmen beflügeln oder verhindern.

Was wäre denn Ihr Tipp, wie Betriebe besser rangehen könnten?

Der erste Punkt ist Aufklärung. Man sollte also zunächst einen Aufklärungsworkshop machen, Top-down mit den Entscheidern – und wenn es nur ein halber Tag ist. Wichtig ist es, Befürchtungen auszuräumen, dass Teams und Abteilungen in Sachen Kompetenz und Arbeitskraft beschnitten werden oder dass das Bisherige nicht mehr zählt, weil nun die Crowd kommt und angeblich alles besser kann. Das sind typische Reaktionen. Man sollte sich auch im Klaren sein, dass die Chancen mögliche Risiken nicht immer überwiegen, das hat sehr individuell mit der Unternehmenssituation zu tun. Oftmals werden in sehr digitalen und IT-getriebenen Umfeldern die ersten Kampagnen gefahren und die Euphorie ist so groß, dass man das in anderen Bereichen nach den gleichen Prinzipien ausrollen möchte. Aber das scheitert dann oft an der Struktur. Deshalb muss man die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten, die sich inzwischen entwickelt haben, breit durchspielen – ganz speziell für die Branche und das Unternehmen.

Wenn sich ein Unternehmen dann dafür entschieden hat, wie findet es die richtige Plattform?

Das ist definitiv eine Herausforderung. Der Wildwuchs an Plattformen nimmt zu – es werden immer mehr. Jede Plattform versucht, sich bestmöglich zu verkaufen. Das ist schon ein ziemlicher Beauty-Contest. Deshalb gibt es unter anderem den Crowdsourcing Verband. Wir stehen gern als neutraler Indikator zur Verfügung. Bei der Plattformwahl sollte man darauf achten, dass der Anbieter die deutschen arbeits- und sozialrechtlichen Bestimmungen kennt und auch umsetzt. Es gibt einen gemeinsamen Code of Conduct von ein paar Plattformen, der das gewährleistet. Dann hängt die Plattformauswahl natürlich auch davon ab, welches Projekt oder Problem Sie lösen möchten.

Inwiefern sollte man Plattformen wie FairCrowdWork bei der Entscheidung hinzuziehen?

FairCrowdWork ist absolut zu empfehlen. Das ist ein von ver.di und den Gewerkschaften initiiertes Projekt, mit dem wir auch zusammenarbeiten. Aber es ist immer eine Gratwanderung. Wenn man alle Forderungen, Erfordernisse und Strukturen, die eine Gewerkschaft sich wünscht, eingehen würde, dann würde die Lufthansa jetzt immer noch streiken. Natürlich ist das auch bei Crowdfunding so. Alle Regulierer sind ganz heiß darauf, die neuen Themen für sich begreifbar und regulierbar zu machen. Das ist ja noch wie wilder Westen. Da will jeder seinen Stempel aufdrücken.

Gleichwohl polarisiert Crowdworking zum Teil ja zu recht, wenn man etwa an das Thema soziale Grundsicherung denkt, oder?

In den politischen Gremien, in denen ich mitarbeite, wird Crowdworking natürlich auch hochkontrovers diskutiert. Wenn Sie nach der Problematik von festen freien Mitarbeitern und ihrer Rente bzw. der sozialen Grundsicherung fragen – dahinter stehen Killerfragen. Andererseits müssen Sie sehen: Der Trend zur Verselbstständigung ist eben einfach da und auch unabhängig von Crowdworking nicht aufzuhalten. Wir bewegen uns nur mit diesem Trend und versuchen zu erklären, wie Arbeit bestmöglich ablaufen kann.

Ich bin eigentlich in der Crowdworking-Branche als Skeptiker verschrien – die anderen Branchenvertreter sind viel euphorischer als ich. Meiner Meinung nach müssen wir das Ganze an die bestehenden Arbeitsstrukturen und insbesondere an den Charakter der deutschen Arbeitswelt anpassen. Dass wir uns den globalen Wechselwirkungen nicht verwehren können, ist aber auch völlig klar.

Was würden Sie sich von Arbeitgebern und der Politik wünschen, um Crowdworking zukünftig für alle sinnvoll zu nutzen?

Wir sollten den Blick in zwei Richtungen schärfen: zum einen Richtung Alterspyramide. Crowdworking kann eine Möglichkeit sein, das Wissen der älteren Menschen in einer Art crowdbasierten Arbeitsstruktur aufzufangen, zu beleben und zu dynamisieren. Das wäre eine tolle Sache. Der zweite Punkt geht in Richtung Flüchtlinge. Wir haben da einen dramatischen Zufluss an Menschen, die aus extrem hochentwickelten Gesellschaften kommen. Sie können in einem zugebombten Aleppo Ihr Telefon anmachen und Sie haben 4G – also besseren Empfang als in der Deutschen Bahn. Diese Leute können demnach größtenteils mit dem digitalen Strukturwandel umgehen. Wenn das Smartphone der Enabler von Crowdworking ist, was spricht dagegen, die Bewilligung von Arbeit in Crowdworking zu ermöglichen? Arbeitgeber können aus arbeitsrechtlichen Gründen teilweise auch qualifizierte Mitarbeiter mit Flüchtlingshintergrund nicht unbedingt einstellen. Deshalb brauchen wir eine Art Crowd-Jobact, um diese Menschen schneller zu integrieren.

 

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