Haben Sie mal darüber nachgedacht, ob Sie die Rushhour des Lebens schon hinter sich haben? Vielleicht liegt sie noch vor Ihnen oder Sie stecken mittendrin. Früher glaubte man, sie findet zwischen dem 25. und 45. Lebensjahr statt. Doch auch hier haben inzwischen die disruptiven Kräfte zugeschlagen. Die alten Modelle sind obsolet. Harald Krüger, der Vorstandsvorsitzende von BMW, feierte am 13. Oktober 2015 seinen 50. Geburtstag. Im Mai dieses Jahres rückte der ehemalige Personalvorstand in die BMW-Chefposition auf. Im September ließ ihn auf der IAA in Frankfurt sein Körper plötzlich im Stich. Er ist wohl noch einmal gut gegangen. Bestimmt hat er schon mehrere Rushhours gemeistert.

Die Zeitwirtschaft des Lebens

Nichts hat Arbeitnehmer und Arbeitgeber als gemeinsame Themen in den letzten 100 Jahren so bewegt wie die Stichworte Arbeitszeit und Zeitwirtschaft. Vor fast 100 Jahren wurde der 8-Stunden-Tag eingeführt. Vor über 40 Jahren wurden die ersten Softwareprogramme für die Zeitwirtschaft entwickelt. Vor gut 30 Jahren trieb der Kampf um die 35-Stunden-Woche die Arbeitnehmer auf die Straße. Das war eine der härtesten Tarifauseinandersetzungen. Mit der Verschiebung von der Produktionsgesellschaft hin zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft bekam das Thema Arbeitszeitflexibilisierung seit den 80er-Jahren zunehmend Rückenwind. Gleitzeit symbolisierte für viele den Fortschritt in Richtung Individualisierung der Arbeitszeit. Landauf, landab begannen Unternehmen, neue Arbeitszeitmodelle und -formen zu entwickeln. Dank des Fortschritts der Zeitwirtschaftssysteme konnten Unternehmen zu Beginn des neuen Jahrtausends gleichzeitig Hunderte von Arbeitszeitmodellen managen.

Aus der Organisation der Arbeitskräfte von einst sind heute ein nahezu perfektes Personaleinsatzplanungssystem und das Management der Talente geworden. Das klingt nach einem wirklichen Fortschritt für Unternehmen und Mitarbeiter.

Illusion der persönlichen Zeitwirtschaft

Das statistische Bundesamt hat am 26. August dieses Jahres auf einer Pressekonferenz jedoch erschreckende Daten präsentiert. 11.000 Personen in etwa 5.000 Haushalten haben zwischen 2012 und 2013 ein minutiöses Zeittagebuch geführt. Vom Zähneputzen bis zum Schlafengehen wurden alle 10 Minuten die Beschäftigungen festgehalten. Herauskam das Bild einer Gesellschaft, die sich im Aufbruch wähnt, die sich für modern hält, aber doch nicht zu wissen scheint, wie das geht. Vergleichsmaßstab war eine ähnliche Studie, die 2001 und 2002 durchgeführt worden war. Männer wie Frauen gehen heute häufiger einer bezahlten Tätigkeit nach als vor zehn Jahren. Frauen arbeiteten damals im Schnitt 13 Stunden in der Woche. Inzwischen sind es durchschnittlich 16 Stunden. Und die Männer arbeiten jetzt eine halbe Stunde länger pro Woche. Die unbezahlte Arbeit macht bei Frauen noch immer zwei Drittel ihrer Beschäftigung aus. Bei Männern ist das Verhältnis umgekehrt. Wo ist der Fortschritt geblieben?

An der traditionellen Rollenverteilung hat sich wenig verändert. Väter bemühen sich, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und sitzen gleichzeitig noch länger im Büro als früher. Die Hobbies bleiben auf der Strecke. Väter verbringen heute zehn Minuten mehr Zeit in der Woche mit ihren Kindern als 2001. 60 Prozent der Paare wünschen sich eine partnerschaftliche Teilung der Aufgaben. Die Praxis lässt zu wünschen übrig. Frauen mit Familien wird ständig die Frage gestellt, wie sie Familie und Arbeit auf die Reihe bekommen. Wer konfrontiert Männer mit dieser Frage?

Die Revolution der Arbeitszeit

Zum Glück gab es immer Pioniere des Zeitmanagements und der Zeitwirtschaft. Die Familienministerin Frau Manuela Schwesig und Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, plädieren für eine Familienzeit, steuerbegünstigt mit vollem Lohnausgleich. Anna Kaiser und Jana Tepe nennen ihr Start-up „Tandemploy“. Sie organisieren Jobsharing von der Beratung bis hin zur Vermittlung von Jobsharing-Beschäftigten. Das Modell ist in der Schweiz so erfolgreich, dass das Land damit in Europa an erster Stelle steht. Deutschland liegt nicht einmal unter den ersten 20 Plätzen. Die innovativen Beispiele der beiden Gründerinnen sind zahllos (s. HR Performance 5/2015, S. 43ff.). Da gibt es Gruppensharing, phasenorientierte, saisonale Tandems, Elternzeittandems, rotierende Konzepte, geschlechts- und altersübergreifende Modelle. Die Telekom praktiziert sogar ein städteübergreifendes Modell, bei dem sich zwei Personen eine Führungsposition in Berlin und Bonn teilen.

Es geht darum, die Arbeit dem Menschen anzupassen und nicht mehr umgekehrt. Studien zeigen: Jobsharing-Mitarbeiter sind effizienter, gesünder und haben mehr Zeit für Familie und Qualifizierung.

Wir leben länger. Warum sollten wir das Lebensarbeitszeitpensum nicht stärker entzerren? Warum sprechen wir immer noch von Teilzeit und Vollzeit? Dabei leisten manche in Teilzeit mehr als andere in Vollzeit. Wir wollen nicht mehr die Stunden, sondern die Leistung bewerten. Wir müssen unseren Karrierebegriff gründlich überdenken! Lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle lassen Raum für die persönliche Lebenszeitplanung. Wenn wir alle gesünder älter werden, senken wir den „drohenden Anstieg der Altlasten“. Und wir können unsere sozialen Herausforderungen besser meistern.

Daimler hat gerade verkündet, dass es seine Stechuhren abschaffen will. Das gleiche sollten wir auch in unseren Köpfen tun, um die Rushhour des Lebens zu meistern. Ein irisches Sprichwort sagt: „Als Gott die Zeit schuf, hat er nichts von Eile gesagt.“

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade #Arbeitszeit von XING Spielraum.

Über den Autor

Langecker_onlineFranz Langecker ist seit 1996 bei der DATAKONTEXT GmbH in Frechen-Königsdorf (bei Köln) als Chefredakteur der HR Performance tätig. Seit 25 Jahren informiert und berät er als HR-Chefredakteur Personalverantwortliche, Geschäftsführer und Führungskräfte über Trends, Entwicklungen, Erfahrungen und über die Praxis der Personalarbeit. Folgen Sie Franz Langecker auf Twitter unter https://twitter.com/hrp_fla.

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