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Foto: Georg Wawschinek

Im Gespräch mit Georg Wawschinek

„Ich kann das nicht, dafür braucht man Talent!“ Diese Aussage ist für Georg Wawschinek nur eine faule Ausrede. Das gilt auch für die sagenumwobene Eigenschaft Charisma: Die Fähigkeit, andere zu begeistern, fällt nicht vom Himmel, sondern ist erlernbar, lautet das Credo des Experten. Wie bei einem Zaubertrick, der zunächst nur Staunen hervorrufe, lasse sich das große Wunder in kleine nachvollziehbare Schritte zerlegen. Wir sprachen mit dem Charisma-Experten und Keynote-Speaker der Personal Austria darüber, woraus sich die vermeintlich göttliche Gabe zusammensetzt und was insbesondere Führungskräfte dafür lernen müssen: Erst zuhören, dann senden!

Herr Wawschinek, Sie sind Experte für Charisma. Wie definieren Sie diesen schillernden Begriff?

 In der Historie gibt es zwei interessante Beispiele: Zum einen den Gott Hephaistos, der in der griechischen Mythologie für die Detailschmiedekunst zuständig war. Der hat seiner werten Göttergattin Aphrodite einen Gürtel geschmiedet, Charis geheißen. Damit hat er Aphrodite endgültig unwiderstehlich gemacht, was zu einer schwierigen Ehe geführt hat (lacht). Da steckt die eine Definition drin, nämlich die unwiderstehliche Anziehungskraft von Menschen. Also jemand, der auf andere so wirkt, dass sie ihm gerne folgen.

Die andere Definition, die meistens verwendet wird, kommt aus der christlichen Mythologie: Da war Charisma die Göttergabe der Eingebung. Und da steckt für mich auch etwas Wichtiges drin – nämlich, dass charismatische Menschen nicht nur gut beim Senden, sondern auch sehr gut beim Empfangen sind. Um gut zu senden, muss man eben auch zwischendurch gut empfangen und wahrnehmen können. Landläufig gesehen meinen wir mit Charisma, dass jemand eine begeisternde Wirkung hat.

In Ihrer ersten Definition hat die Schönheit der Aphrodite entscheidenden Anteil an ihrer unwiderstehlichen Anziehungskraft. Können auch weniger attraktive Menschen charismatisch wirken?

 Also mit Schönheit unbedingt hat’s nicht zu tun, sondern mit dieser strahlenden Wirkung. Wenn jemand gut kommuniziert, ist das wichtig. Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass es bestimmte Äußerlichkeiten gibt, die uns möglicherweise im Weg stehen, wenn wir charismatisch wirken wollen. Dazu gehört ein gewisses gepflegtes Äußeres dazu. Oder zumindest eine bewusste Erscheinung.

 Sie haben gerade das Stichwort Kommunikation genannt. Sind kommunikative beziehungsweise rhetorische Fähigkeiten ein Muss?

 Sie müssen dazukommen. Charisma ist letztlich ein Gesamtpaket. Das ist wie bei einem Zauberer, da sagt man „Ouuhhh – das ist Magie“. Dabei wissen wir ja ganz genau, dass der Ball nicht wirklich verschwindet oder die Assistentin nicht wirklich zersägt wird, sondern eine bestimmte Technik dahinter steckt. Wenn man den Vorgang Schritt für Schritt nachvollzieht, kann man den Zaubertrick erlernen. Beim Charisma ist es auch so: Wenn man es in seine einzelnen Bestandteile zerlegt, dann kommen wir drauf, dass es erlernbar ist. Kommunikation ist ein wichtiger Teil davon – alle charismatischen Menschen sind sehr wohl im Stande, ihre Botschaften auf den Punkt zu bringen und nicht zu langweilen. Das ist eine dieser Eigenschaften, auf die es ankommt. Nimmt man sie heraus, wird es schwieriger, charismatische Wirkung zu erzeugen. Beziehungsweise muss man, wenn man eine Schwäche hat – was auch okay ist – an einer anderen Stelle seine Fähigkeiten ein bisschen nach oben fahren.

Die meisten Menschen haben aber genau davor Angst: Vor vielen Menschen zu sprechen, sich einem großen Publikum zu stellen. Kann man das auch lernen?

Ja, kann man definitiv. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass da oft Glaubenssätze mitspielen wie „Ich bin dafür nicht gut genug“ oder „Die interessiert das gar nicht“ oder, was sehr oft mitspielt: „Ich darf jetzt keinen Fehler machen, ich muss perfekt sein“. Das sind typische Hemmnisse, die im Kopf herumspuken und dazu führen, dass man nervös wird, weil man die Erwartungen an sich wahnsinnig hochschraubt.

Der wahrscheinlich wichtigste Punkt – und das ist auch ein ganz wichtiger Bestandteil von Charisma – ist, sich zur eigenen Person zu bekennen, sich Feedback zu suchen, um sich besser einschätzen zu können und sich dann zu sagen: „Das ist jetzt die Person, die ich auf die Bühne stelle und die ist gut genug.“ Das führt dann zur viel gepriesenen Authentizität, die aber hart erarbeitet ist.

Wichtig ist also, mit sich selbst im Reinen zu sein. Man sollte aber auch von seiner Sache überzeugt sein, also ein gewisses Sendungsbewusstsein entwickeln, oder?

Absolut. Manchmal fragen mich Menschen auch: Was tut man, wenn man etwas nicht sagen möchte? Wie kann man‘s umgehen? Dann empfehle ich schlicht, gar nicht erst anzutreten. Man soll doch bitte was zu sagen haben und dafür auch brennen. Wir dürfen ja nie vergessen: Wenn wir auf eine Bühne steigen, eine Präsentation vor Leuten halten oder ein Interview geben, beanspruchen wir die Zeit dieser Menschen, einen Teil ihrer Lebenszeit. Und da halte ich es für eine heilige Pflicht, diese ernst zu nehmen und nicht zu verschwenden. Es ist okay, wenn man etwas zu geben hat, was die Zuhörer weiter bringt. Ansonsten ist es vielleicht besser, einfach seine Klappe zu halten.

Aber dieser Anspruch setzt mich unter Druck. Dann komme ich doch wieder schnell zu der Überzeugung, es reicht nicht, was ich bin, was ich will und was ich zu sagen habe.

Das ist natürlich schon nicht so einfach. Man muss da ehrlich zu sich sein und sich kritisch hinterfragen, ist das tragfähig, was ich da repräsentiere? Ich habe ja die Biographien von vielen charismatischen Menschen studiert. Die sind durchaus durch schwierige Zeiten gegangen, in denen sie sich sehr kritisch diese Frage gestellt haben, und ich kenne kaum jemanden, der einfach so auf die Bühne gestolpert ist und von heute auf morgen ein großer Redner war. Das ist in der Tat auch ein bissl Arbeit.

Können das auch zurückhaltende, eher stille Menschen schaffen oder arbeiten die besser an anderen Dingen?

 Talent wird manchmal überbewertet. Da heißt es oft: „Ja, der hat halt Talent, der kann das und tut sich leicht damit.“ Ich habe aber schon oft die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die hart an sich arbeiten, diejenigen mit Talent überholen. Also wirklich besser werden und einen exzellenten Zustand erreichen, während sich die anderen auf ihren Lorbeeren ausruhen und nicht weiter entwickeln. Trotzdem halte ich es für ganz wichtig zu schauen, wo sind meine Schwächen, wo sind meine Stärken? Was kann ich durch Training ausgleichen? Was ist meine Stärke, mit der ich auftrumpfen kann?

 Für einen Chef reicht es aber nicht aus, ein großer Redner zu sein. Welche Fähigkeiten spielen noch eine Rolle?

 Im Endeffekt bewegt sich eine Führungsperson ja nur auf einer etwas kleineren Bühne, weil sie ununterbrochen von ihren Mitarbeitern umgeben ist, weil sie ununterbrochen Außenwirkung erzeugt gegenüber Kunden, gegenüber Partnern, gegenüber Investoren, gegenüber Journalisten und der Presse. Das ist ja eine ununterbrochene kleine Bühnensituation sozusagen und interessanterweise sind es genau dieselben Eigenschaften, die dann eine charismatische Wirkung erzeugen. Das funktioniert im Kleinen wie im Großen.

Das Beruhigende daran ist, man muss nicht ununterbrochen charismatisch sein. Also charismatische Menschen sitzen jetzt nicht zuhause alleine charismatisch strahlend auf der Couch, sondern man kann das auch im richtigen Augenblick aktivieren. Eine wichtige Eigenschaft für Führungskräfte ist das Zuhören können, also Empathie und Einfühlungsvermögen zu besitzen. Und da sind wir auch schon wieder bei dem Thema Senden und Empfangen: Ein Chef, der gut empfangen kann, der wahrnimmt, wenn etwas los ist im Unternehmen, der fühlt, was in einem Gespräch abläuft, der ein Gespür dafür hat, was gerade benötigt wird, ist überhaupt erst in der Lage, etwas richtiges auszusenden. Das ist die Grundbedingung dafür. Diese Dauersender sind meistens nicht die größten Charismatiker.


Über Georg Wawschinek

Georg Wawschinek ist der Experte für Charisma. Als Journalist und Moderator bei hitradio Ö3 hat er früh gelernt, wie man lediglich über ein Mikrofon zu Millionen Menschen Beziehung herstellt und Spannung hält, um keine einzige Sekunde zu langweilen. Mitreißende Performance mit packenden Inhalten in Einklang zu bringen, ist seine Leidenschaft. In Seminaren und Vorträgen gibt Georg Wawschinek sein Wissen seit über 15 Jahren an zehntausende Menschen weltweit weiter.

Erleben Sie Georg Wawschinek auf der Messe Personal Austria:

Keynote-Vortrag „Erfolgsfaktor Charisma – überzeugend führen und begeistern
Mittwoch, 4. November 2015, 16:15 bis 17:00 Uhr
Messe Wien, Halle C, Forum 1

 

 

 

 

 

 

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