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Ist das Betriebliche Gesundheitsmanagement in Deutschland gescheitert?

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Foto: pixabay.com

Prof. Dr. Volker Nürnberg, Studiengangsleiter Gesundheitsmanagement der Hochschule für angewandtes Management Erding, stellte auf der Zukunft Personal kürzlich eine steile These auf: „Das Betriebliche Gesundheitsmanagement in Deutschland ist gescheitert.“ Zum einen hätten nur die großen Vorzeigeunternehmen, ein paar Mittelständler und einzelne Kleinstbetriebe ein vorzeigbares BGM – also nicht einmal die Hälfte der Firmen. Und auch das beste BGM erreiche aktuell nur 20 Prozent der Mitarbeiter – vor allem Frauen zwischen 30 und 40 Jahren. Bei den „3 M: Männer, Migranten und Minderqualifizierte“ hingegen: Fehlanzeige. „Die Gesunden machen wir noch gesünder, um die Kranken kümmern wir uns auch. Aber an 90 Prozent der Mitarbeiter geht alles vorbei“, folgerte Nürnberg.

Nun gießt er in seiner Funktion als Leiter Health Management bei Mercer mit der neuen Trendstudie „Stressfaktor Smartphone 2015“ Öl ins Feuer: Laut der Untersuchung sind 88 Prozent der Führungskräfte durch die ständige Erreichbarkeit über ihre Smartphones höherem Stress ausgesetzt. Was nun? Wo lässt sich da ansetzen?

Wie die Befragung von mehr als 150 Führungskräfte in Deutschland zeigt, hat sich das Nutzungsverhalten der Studienteilnehmer seit 2012, als die Mercer-Studie erstmals durchgeführt wurde, deutlich verändert: Mittlerweile verwenden 81 Prozent der Führungskräfte ein und dasselbe Smartphone für berufliche und private Zwecke (2012: 70 Prozent). Eine Folge: Nur ein Prozent der Befragten ist nach Feierabend für Kollegen oder Geschäftspartner nicht zu erreichen und liest auch keine arbeitsrelevanten E-Mails. Die damit verbundene Entgrenzung von Arbeits- und Privatleben führe bei etwa der Hälfte der Befragten zu einer verkürzten Regenerationszeit und einem erhöhten Stresslevel infolge permanenter Erreichbarkeit. Doch auch die Vorteile der aktuellen Smartphone-Nutzung liegen auf der Hand: „Durch den Zugewinn von Flexibilität und Mobilität kann das Smartphone eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen“, so Prof. Nürnberg.

Auch Prof. Dr. Christian Montag, Diplom-Psychologe und Heisenberg-Professor für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm, berichtete auf der Zukunft Personal über ähnliche Forschungsergebnisse. Er hat mehr als 2.000 Personen in ihrem Medienverhalten am Arbeitsplatz getrackt und dabei herausgefunden: „Die Geräte haben uns deutlich produktiver gemacht. Wir können schneller kommunizieren und Dinge vergleichen. Doch der Zusammenhang zwischen Mediennutzung am Arbeitsplatz und Produktivität unterliegt einer umgekehrten U-Funktion: Es gibt einen Scheitelpunkt, an dem eine zu intensive Nutzung in Unproduktivität umkippt.“ Mitarbeiter würden zu oft unterbrochen – durch E-Mails, Whatsapp & Co. Technik sei aber nur dann produktivitätsfördernd, wenn Mitarbeiter Zeiten hätten, in denen sie Aufgaben ungestört abarbeiten könnten. Das gelte es zu steuern.

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Foto: Prof. Dr. Volker Nürnberg

Prof. Nürnberg hält diesbezüglich verbindliche Regelungen wie eine Abschaltung der Geräte am Abend in einzelnen Fällen für sinnvoll. Allerdings könnten solche Vorschriften einen der größten Vorteile des Smartphones – die Flexibilität – auch schnell zunichtemachen. Hilfreich seien hingegen Richtlinien zur Erreichbarkeit und zum Umgang mit E-Mail. In Köln machte er zudem deutlich, dass Mitarbeiter gerade mit dem Smartphone über bestimmte Apps auch Stress abbauen könnten. Dieser Ansatz eigne sich vor allem für die „Mental Worker“ und die oben schon erwähnten Gesundheitsmuffel (die „3 M“), die für spielerische Ansätze besonders zu haben seien. Doch bei der Auswahl der Anwendungen sei Vorsicht geboten: „90 Prozent der Programme sind Schrott, weil sie rein mechanisch sind. Wenn ich in eine App eingebe, dass ich 1,67 m groß bin und 85 Kilo wiege und sie mir am nächsten Tag sagt, ich müsse mich mehr bewegen, kann ich mir das auch sparen.“

Für die Messebesucher hatte er ein paar Empfehlungen im Gepäck – allesamt Tools, die sie direkt auf der Zukunft Personal kennen lernen konnten: Die Software „Precire“ von Psyware, die das Stresslevel mithilfe der Stimme misst, Global Corporate Challenge (GCC) mit seinem niedrigschwelligen Schrittzähl-Programm, vitaliberty mit dem ganzheitlichen „moove-Programm“ und machtfit mit einem Überblick über lokale Fitnessangebote.

Es besteht also doch noch Hoffnung für das Betriebliche Gesundheitsmanagement in Deutschland.

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1 Comment

  1. Ist das BGM in Deutschland gescheitert? Provokant formuliert, mit einem Stückchen Wahrheit. Alle, die sich um BGM bemühen, sehen, dass das Umsetzen betrieblicher Gesundheitsthemen in Deutschland oft noch am Anfang steht. Kleine Budgets, erst langsam entstehendes Know-How und an vielen Stellen wie im Stressbereich nehmen die Gesundheitsprobleme eher noch zu. Trotzdem, fände ich den Begriff Scheitern doch zu überspitzt formuliert.

    Wir vergessen bei Gesundheitsthemen zu oft, dass hier die persönliche Motivation mit entscheidend ist, und Mitarbeiter auch ein hinreichendes Gesundheitswissen mitbringen müssen. Jeder, der einen Arbeitstag in einem „normalen“ Großunternehmen beobachtet, sieht SEHR wenig regelmäßige Pausen, dynamisches Sitzen, Walking Meetings, ein paar Rückenübungen, etc. Und die meisten Mitarbeiter wissen über gesundes Verhalten immer noch nicht genug. Hier geht es deshalb um die kleinen Schritte: Erst einmal die eigene Gesundheit als relevant erachten, dann Gesundheitswissen schaffen, dann den Tagesablauf schrittweise verändern….

    Klar, diese Kleinen Schritte brauchen Zeit, mitunter auch viel Zeit. Schnelle Änderungen sind hier nicht zu erwarten. Mit dem Programm GESUNDHEIT|BEWEGT konzentrieren wir uns darauf, diese kleinen Schritte im täglichen Arbeitsalltag zu verankern. Wenn hier am Anfang nur bestimmte Zielgruppen mitmachen, ist das aber u.E. kein Scheitern. Jeder Schritt in Richtung mehr Gesundheit ist schlussendlich gut und richtig… und schrittweise werden auch Arbeitnehmer aus der 3M Zielgruppe dazustoßen.

    Fazit: BGM ist nicht gescheitert, es ist aber noch ein langer Weg zu gehen. :-)

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