Jenke von Wilmsdorff Credit Christine Trewer1

Foto: © Christine Trewer

Im Gespräch mit Jenke von Wilmsdorff, Schauspieler, Reporter, Autor und Redakteur

In seinem TV-Format „Das Jenke-Experiment“ dokumentiert Jenke von Wilmsdorff in spektakulären Selbstversuchen die Auswirkungen gesellschaftlicher Herausforderungen wie Alter, Armut, Alkoholmissbrauch oder Fehlernährung. Was ihn antreibt und warum der Arbeitsalltag in Deutschland gar nicht so weit von den Extremsituationen entfernt ist, denen er sich in seinen Experimenten stellt, erklärt er in folgendem Gespräch. Live erleben können ihn demnächst die Besucher der Messe Zukunft Personal in Köln: Am 17. September appelliert der prominente Schauspieler und Reporter in einem Keynote-Vortrag dafür, Ängste zu überwinden und entwicklungshemmende Komfortzonen im Berufsleben zu meiden.

Herr von Wilmsdorff, ist Ihre Experimentierfreudigkeit, die man von Ihren investigativen Reportagen aus dem Fernsehen kennt, eine Frage Ihrer Persönlichkeit oder haben Sie erst mit der Zeit Gefallen an derartigen Herausforderungen gefunden?

Letzteres. Das hat sich aus der Not heraus so ergeben. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich drei Jahre alt war. Aufgrund dieser Umstände war ich ein sehr ängstliches Kind. Immer dann, wenn ein gewohnter Rhythmus durchbrochen wurde, etwas, an das ich mich gewöhnt hatte, war ich nicht nur irritiert wie andere Kinder, sondern wurde davon regelrecht aus der Bahn geworfen.

Das hat sich auf alle Lebensbereiche übertragen: Ich war ängstlich, ich war kontaktscheu. Ich hatte sogar allergrößte Probleme, feste Nahrung zu mir zu nehmen. Das war wirklich extrem. Ich bin über viele Wochen erst mit nahrungsunterstützenden Mitteln und dann unter ärztlicher Aufsicht ernährt worden, weil das gesundheitsbedrohliche Züge annahm. Von daher war ich das komplette Gegenteil eines Draufgängers.

Dieser Zustand dauerte ungefähr bis zum Eintritt in die Pubertät. Da merkte ich langsam, dass es mir nicht gefällt, wie sehr mich diese Angst einengt, wie sehr sie mir die schönen Momente im Leben raubt und mich überhaupt nicht so sein lässt, wie ich eigentlich bin. Das war damals keine Zeit, wo man mit Kindern zum Psychologen gerannt ist, was man ja heute zum Glück schon früh tun würde. So habe ich das wirklich selbst in die Hand genommen, indem ich mich peu à peu, also portionsweise, in ganz kleinen Dosen meinen Ängsten gestellt habe. Den Großteil meiner Ängste bin ich im Laufe der letzten Jahre dann einfach losgeworden, weil ich Dinge anders sehe, betrachte und einordne. Das war jedoch eine längere Entwicklung.

Was treibt Sie heute an, nach diesem Selbstfindungsprozess?

Das Ziel hat sich gar nicht verändert. Natürlich bin ich mittlerweile sehr viel mehr mit mir im Reinen als ich das vor Jahren war. Aber das ist ja ein Prozess, der hoffentlich niemals aufhört. Also in dem Augenblick, wo man sagt, so, jetzt bin ich hundertprozentig bei mir angekommen, jetzt ist alles gut, ist das eine Form von Stillstand. Da bin ich nicht und will ich auch gar nicht hin, ich entwickle mich ja auch noch weiter. Die Ziele, die ich mir vielleicht vor zehn oder vor fünf Jahren gesetzt habe, müssen dabei aber nicht deckungsgleich sein mit den Zielen, die ich jetzt habe, im Alter von 49 Jahren.

Zudem kommt die Neugier. Ich bin ein irrsinnig neugieriger Mensch – das war ich schon immer. Und ich bin der Meinung, dass ich über gewisse Dinge nur authentisch sprechen kann, wenn ich sie bis zu einem gewissen Grad selbst erlebt habe, mich mit ihnen direkt auseinandergesetzt habe. Das ist der Motor für meine Experimente. Das Thema Alkohol zum Beispiel, die Suchtproblematik, da weiß eigentlich jeder: Wenn man zu viel trinkt, ist das gesundheitsschädlich. Und wenn man sehr viel mehr trinkt als man sollte, dann birgt das noch zusätzlich die Gefahr einer Abhängigkeit. Das kann man natürlich auch aus der Distanz beschreiben, aber für mich ist es weitaus interessanter, noch einen Schritt weiterzugehen: Zu sagen, ok, ich kann das als Beobachter erzählen, ich kann eine Reportage darüber machen oder ich kann versuchen, selbst einzutauchen, bis zu einem gewissen Grad, um es noch intensiver beschreiben zu können, weil ich es am eigenen Leibe erfahren habe. Das ist mein Berufsanspruch: Wenn ich mich über etwas auslasse, dann will ich nicht nur von etwas erzählen, was ich aus Büchern kenne oder was andere Menschen erlebt haben, sondern ich möchte halt einen Schritt weiter gehen.

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