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Quelle: Patryk Dziejma – StockSnap.io

Geht Ihnen das auch so, dass Sie wichtige Dinge ausdrucken, um sie „leichter“ lesen bzw. sich merken zu können. Das ist kein Zeichen dafür, dass Sie kein Digital Native sind oder ‚zu alt‘. Denn Hirnforscher haben festgestellt, dass Lesen für unser Gehirn an sich schon eine „unnatürliche Tätigkeit“ ist und wir online anders wahrnehmen und damit auch lesen. Lesen ist also für unser Gehirn eine komplizierte Handlung, die wir jahrelang trainiert haben, um sie zu können. Und nun stellen wir dieses Können durch unsere Online-Wahrnehmung nochmals neu auf den Prüfstand.

Offline lesen wir linear, vollinhaltlich und fokussiert

Offline folgen wir dem Textfluss Wort für Wort von links nach rechts. Wir haben unser Gehirn beim Lesenlernen dahingehend trainiert, aufmerksam jeden Buchstaben mitzunehmen, in einen Kontext zu stellen und den Sinn zu reflektieren. Wir lesen, um detaillierte Informationen zu erhalten, und konzentrieren uns dabei. Deshalb blenden wir während des Lesens andere Reize aus und nehmen uns Zeit. In dieser Kombination können wir in die jeweilige Lesewelt versinken, weil wir sie in Zusammenhänge bringen. Das Tolle daran: Wir können dadurch systematisch lernen.

Menschliches E-Reading ist anders? Wie anders?

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Quelle: by Instant Vantage – imcreator.com

Nicholas Carr hat in seinem Buch „The Shallows: What the Internet is Doing to Our Brains“ festgehalten, dass das menschliche Gehirn am Bildschirm völlig anders wahrnimmt als vor einem gedruckten Text. „Online-Lesen“ zeichnet sich dadurch aus, dass man im Grunde gar nicht liest, sondern durch Text und Bilder „browst“ und von Punkt zu Punkt springt. Experten der Hirnforschung sagen, wir lesen online „tabular“, also adhoc und spontan richtungs- und zieländernd nach „Informationen“ suchend.

Das F-Schema

Eye-Tracking-Studien haben wiederholt bei unterschiedlichsten Texten und Text-Bild-Kombinationen ergeben, dass wir Informationen online im Wesentlichen in einem F-Muster studieren: Wir fangen in der linken oberen Ecke an (als ob wir normal lesen würden), folgen dem Lesemuster zunächst noch, schweifen dann aber ab, indem wir zweimal horizontal die Seite screenen. Und dann stoppen wir und nehmen die Abkürzung, indem wir auf der linken Seite abwärts schweifen, so dass wir mit unserem Blick ein “F” beschreiben.

Die Besonderheiten des E-Reading: Deep Reading

Zwar hat das Online-Lesen dadurch einen enormen Nachteil: Wir können Informationen nur in kleinen Einheiten aufnehmen. Denn durch das Scannen und die Sprunghaftigkeit von einem Info-Hotspot zum anderen, von Ungeduld und Wünschen getrieben bzw. der Bedürfnisbefriedigung nachgebend, sind wir mehr mit der Suche nach Stimulation beschäftigt, als dass wir wirklich lesen. So ist nachhaltiges Lernen nur schwer möglich. Aber das Springen hat auch Vorteile, denn wir nützen diesen Weg, von Link zu Link folgend, klickend und springend auf eine intuitive Weise. Wir trainieren dabei unseren Impuls, riesige Informationsmengen nach für uns wichtigen Details zu durchsuchen. Der Fachausdruck dafür lautet „Deep Reading“: Wir können so lernen, Massen-Information zu bewältigen – vorausgesetzt, wir sind uns bewusst, dass wir dies lernen müssen und dass wir diese Fähigkeit gezielt trainieren.

Die große Gefahr

Das Online-Lesen oder besser „Informationsscannen“ birgt die große Gefahr, dass wir sprichwörtlich „die Bäume vor lauter Wald nicht mehr sehen“ – und wichtige Informationen verpassen. Zwar sind wir uns online tendenziell eher bewusst, dass wir nicht so schnell lernen – letztlich können wir den Text immer noch ausdrucken. Aber viel problematischer ist, dass wir durch das viele Bildschirmlesen (und dazu gehören heute auch das Betrachten aller mobilen Devices, mit denen wir immer mehr Zeit verbringen) unser Gehirn unbewusst umgewöhnen: Es beginnt nicht selten auf dem Papier ebenso zu „springen“ und zu scannen. Wir lesen damit offline immer langsamer und riskieren obendrein nicht nur den Verlust von Information, sondern auch von Wissen und Lernpotential. Das Online-Lesen hat also einen riesen Einfluss auf unsere Gesellschaft und die Bildung.

Neu Lesen lernen: Speed Reading

Es gibt Profis, die helfen, schneller zu lesen – also diesen Teufelskreis zu durchbrechen und letztlich wieder schneller zu lernen. Kurse und Trainingsanbieter zu „Speed Reading“, „Improved Reading“ oder „Turbo-Lesen“ gibt es immer mehr und sie rechnen vor: Wenn man seine Lesegeschwindigkeit verdoppelt, gewinnt man nicht nur eine höhere Zufriedenheit und Lernrate, sondern spart Zeit.

Fazit:

Auf der letzten Zukunft Personal bin ich zufällig auf einem Stand eines Anbieters für Speed Reading gelandet und habe mich dem Test unterzogen. Ich schaffte im Durchschnitt gerade mal 290 Worte pro Minute, das fand ich enttäuschend. Der Anbieter versicherte, dass Trainingsteilnehmer die Zahl in der Regel verdoppeln, und einige sogar noch schneller werden. Um dieses Tempo zu halten, muss man allerdings weiter trainieren, um nicht wieder auf das alte Niveau zurückzufallen. Denn das Lesenlernen erfordert dauerhafte Verhaltensänderungen und das geht nicht ohne Training. Ich habe mir fest vorgenommen, dieses Jahr alle Anbieter auf der Zukunft Personal kennenzulernen und mir einen Kurs auszusuchen. Ich bin gespannt, wie sich der Markt zu Deep Reading und Speed Reading weiterentwickelt.


Über die Autorin

Barbara-Braehmer_onlineBarbara Braehmer ist pragmatische Talentfinderin (Expertin im ‚Finden‘ talentierter Mitarbeiter), Social Recruiting Coach, Master-Sourcerin, HR-Data-Analystin und Bloggerin. Nach 20 Jahren HR-Berufserfahrung sowohl als langjährige Personalmanagerin als auch Personalberaterin gründete sie 2005 die Intercessio GmbH The Talentfinder Company. Intercessio ist ein Recruiting-Consulting- und Service-Unternehmen sowie eine Trainings-Akademie für Human Resource, Recruiting und Sourcing Trainings.

 

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