Gibt es vielleicht auch Mitarbeiter, die bei Ihnen anfangen und dann merken, das ist doch nichts für mich, so viel Verantwortung und Selbstbestimmung?

Es gab einmal eine Mitarbeiterin, die gesagt hat, ich brauche etwas mehr Druck von Euch. Sie wollte mehr Vorgaben von oben und genau wissen, wann etwas fertig sein soll. Das haben wir als sehr positiv empfunden, dass sie mit dem Feedback direkt um die Ecke kam. Seitdem geben wir mehr Deadlines vor und das funktioniert super.

Sie sind ja als Start-up wirklich unverschämt produktiv. Liegt das vor allem am Thema Selbstbestimmung oder was spielt da noch eine Rolle?

Das ist vor allem der Spaß an der Arbeit. Das ist ein bisschen wie die Fortsetzung der Studentenzeit, in der man auch bis nachts im Seminar gesessen hat – aber eben mit anderen Kommilitonen zusammen und dann war das okay. Wir haben dafür aber keine starren Vorgaben. Es gibt ein gutes Gruppengefüge, so dass man abends auch mal zusammen ein Bierchen trinkt oder grillt. Wenn jemand etwas geschafft hat, gibt es eine Teamfaust. Da wir ein offenes Büro haben, sieht das jeder, dass da jemand hingeht und eine High-Five macht. Dieses gegenseitige „Wir wollen hier alle etwas Geiles erreichen“ spornt an. Das führt dazu, dass die Leute insgesamt motivierter sind.

Beeindruckend ist an Start-ups auch die Geschwindigkeit, mit der sie neue Ideen umsetzen. Wie gelingt Ihnen das?

Ein wichtiger Punkt ist die Teamgröße. Wir versuchen die Teams klein zu halten und dafür zu sorgen, dass jeder mitbekommt, wer für was zuständig ist. Wenn wir eine räumliche Trennung in den Bereich Marketing und IT reinbringen, was oft in Konzernen der Fall ist, dauert die grafische und technische Umsetzung der Marketingkampagne drei- bis viermal so lange. Wenn alle aber immer über den Arbeitsstand informiert sind, geht das viel schneller. Ein Vorteil ist wirklich, dass wir kaum etwas bewilligen lassen müssen. Wenn ein Praktikant bei jeder Präsentation, die er rausschickt, erst bei mir fragen müsste, ob die Anpassungen okay sind, dann hätten wir einen hohen Geschwindigkeitsverlust.

Wie hoch ist die Anziehungskraft von spottster für Bewerber tatsächlich?

Momentan erhalten wir durchschnittlich auf eine Praktikumsausschreibung, für die wir keine Anzeige schalten, sondern die wir nur auf unserer Webseite und ein paar Uni-Netzwerken veröffentlichen, 30 bis 35 Bewerbungen. Wir hatten kürzlich auch eine Position als Marketingmanager ausgeschrieben, da hatten wir 43 Bewerbungen – vier Tage nachdem die Info online stand.

Wie zeigen Sie den potenziellen Bewerbern, was auf sie zukommt?

Wir haben ein sehr spezielles Wording in unseren Ausschreibungen. Wir fangen mit Fragen an wie „Du willst wirklich was machen?“, „Du willst Deine eigene Kampagne schalten?“, „Du willst direkten Kundenkontakt und das Ergebnis Deiner Arbeit sehen?“ Wir erläutern kurz, worum es geht – ob im Marketing oder in der IT. Wir sagen: „Du musst hochmotiviert sein, Du musst Lust auf Teamarbeit haben und lustig sein. Aber sei Dir im Klaren, dass Du auch viel arbeiten wirst.“ Das ist alles. Wir überprüfen die Qualifikation natürlich auch, aber wir rattern nicht gleich eine lange Liste an Dingen runter, die jemand mitbringen muss, so dass alle sagen, „Um Gottes willen!“ Es kann sein, dass jemand noch nie Photoshop gemacht hat, sich aber innerhalb einer Woche reinfuchst, wenn er Lust darauf hat. Den würde ich damit schon einmal abschrecken, wenn ich sage, Photoshop-Kenntnisse sind erforderlich. Einem motivierten Mitarbeiter kann man fast alles beibringen.

Als erfolgreiche Gründerin eines attraktiven Nachwuchsunternehmens sind Sie zu einer Art Beraterin für die Suche nach talentierten Mitarbeitern geworden. Welche Unternehmen kommen da auf Sie zu und wie sieht der Erfahrungsaustausch aus?

Wir haben hier in Hamburg eine Art Arbeitskreis mit etablierten Industrie- und Familienunternehmen aufgebaut. Deren Problem besteht darin, dass sie kaum noch gute Nachwuchsleute bekommen. Für Hochschulabsolventen gibt es vor allem zwei sehr reizvolle Felder: zum einen der steile Karriereweg in der Beratung, der Bank oder als Maschinenbauer zum Beispiel bei BMW in der Entwicklung, zum anderen der Gegenentwurf in Richtung Start-up oder Venture-Capital-Szene. Die Familienunternehmen, die eigentlich eine extrem gute Leistung im Sinne von Gehalt oder Arbeitsqualität bieten, haben da schlechte Karten. Sie haben nicht die Mittel, um gegen die Banken oder Unternehmensberatungen anzukommen und auch nicht das Image, dass es cool ist, da zu arbeiten.

Deshalb sind sie auf uns zugekommen und haben gefragt, kann man da nicht mal was zusammen machen. Bisher sind das noch Gedankenspiele für ein Split-Programm in der Ausbildung, so dass unsere Leute auch stärker feste Strukturen in etablierten Unternehmen kennen lernen und diese gleichzeitig durch die Zusammenarbeit mit uns als Start-up ins Rampenlicht rücken. Außerdem geht es da um den gegenseitigen Austausch in Sachen Digitalisierung oder Personal.

Nun sind Sie inzwischen vom elterlichen Wohnzimmer in den 1. Stock aufgestiegen und arbeiten mit Familienunternehmen zusammen. Haben Sie nicht ein bisschen Angst davor, dass Sie irgendwann Ihren Start-up-Spirit verlieren?

Gefühlmäßig ja, aber vom Kopf her nicht. Mir ist ein kreatives Arbeitsumfeld zu wichtig. Natürlich wird sich das alles hier irgendwann professionalisieren und ich werde vielleicht nicht mehr jeden Tag jeden Mitarbeiter sehen. Aber an unserem Spirit halten wir fest. Zur Not gründen wir einfach wieder ein neues Start-up.


Keynote-Vortrag von Freya Oehle

Jung, selbstbestimmt und unverschämt produktiv: Wie Start-ups Nachwuchstalente für sich gewinnen“
Messe Zukunft Personal,
Donnerstag, 10 bis 10.45 Uhr, anschließend Public Interview
koelnmesse, Halle 2.1 | Praxisforum 1 – Keynote Forum

Über Freya Oehle
Freya Oehle ist Master-Absolventin der WHU-Otto Beisheim School of Management in den Fachbereichen Finance & Accounting. Im Alter von 23 Jahren, nach ersten Erfahrungen im Investment Banking und in der Unternehmensberatung, entschied sie sich gegen den normalen Berufseinstieg und gründete aus dem Studium heraus zusammen mit Tobias Kempkensteffen, einem ehemaligen Schulfreund aus Abiturzeiten, spottster.com. Kürzlich erhielt sie den Victress Award, der erfolgreiche Gründerinnen, Unternehmerinnen mit besonderem gesellschaftlichem Engagement sowie Frauen mit starken Visionen auszeichnet, in der Kategorie Digital.

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